Einblick in Katharina Miess‘ Leben mit einer körperlichen Behinderung

Beim LUKAS-Treff am 30.04.2026 gab uns Katharina Miess (Kathi) einen sehr authentischen und bewegenden Einblick in ihr Leben mit einer körperlichen Behinderung.
Das Gespräch, das in Form eines Interviews von Corinna Link geführt wurde, gliederte sich in die Bereiche: Herkunft, Schulausbildung, Berufsausbildung und berufliche Tätigkeit, Leben mit Assistenz.

Herkunft

Kathi berichtete zunächst über ihren Weg von Siebenbürgen (Rumänien) nach Deutschland Anfang der 1970er-Jahre.

Seit einer Hirnhautentzündung im Alter von zehn Monaten lebt sie mit einer spastischen Lähmung in Armen und Beinen. Sie ist Rollstuhlfahrerin, konnte jedoch bis zu ihrem 40. Lebensjahr noch an der Hand oder mit „Vierfußgehhilfen“ etwas laufen.

In einer Zeit, in der es in ihrer Heimat keine ambulanten Therapien gab, musste sie als kleines Kind – getrennt von den Eltern – in einer „Krankenhausschule“ (Schule und Therapie) betreut werden.

Doch ihre Eltern kämpften für eine bessere Zukunft der Tochter.

So kam Kathi 1972, im Alter von 10 Jahren, gemeinsam mit ihrem Vater für ein Jahr zur medizinischen Behandlung nach Deutschland. Da der Vater arbeitete, lebte sie bei sehr fürsorglichen Pflegegroßeltern.

Als Kathi 1973 wieder in ihre Heimat nach Hermannstadt zurückkehren musste, – die rumänischen Behörden hatten nur ein Jahr Aufenthalt bewilligt – erklärte sie den Eltern, dass sie unter keinen Umständen zurück in die „Krankenhausschule“ gehen möchte.

Die Eltern überlegten sich einen Ausweg, nahmen Kontakt zur örtlichen Schulbehörde auf und erhielten die Auskunft, dass das Kind zwar formal in die reguläre Schule aufgenommen werden könne, der Unterricht aber von zu Hause aus stattfinden müsse.

Ab diesem Zeitpunkt wurde Kathi zu Hause von Pädagogikstudenten in allen relevanten Fächern auf Deutsch unterrichtet, während die Lehrkräfte der Schule, an der sie offiziell geführt wurde, für die Abnahme der Klassenarbeiten und Prüfungen zuständig waren.

1978 durfte Kathi endgültig nach Deutschland ausreisen. Da nur der Vater mit dabei war, lebte sie wieder bei den Pflegegroßeltern.
Die Mutter kam mit den zwei jüngeren Geschwistern ein Jahr später nach. Dafür musste die Familie das Haus in Siebenbürgen (Rumänien) dem Staat zu einem vorgegebenen Preis überlassen.

Kathis Worte dazu: „Meine Eltern haben in Rumänien alles aufgegeben, um mir eine gesicherte Zukunft in Deutschland zu ermöglichen.“

Schulausbildung

Nach der Übersiedlung nach Frankfurt besuchte Kathi kurzzeitig die damalige Heinrich-Steul-Schule, heutige Viktor-Frankl-Schule für körperbehinderte Kinder und Jugendliche. Da sie dort unterfordert war, wechselte sie sehr schnell in die fünfte Klasse des Realschulzweigs der Hermann-Herzog-Schule für seh- und körperbehinderte Menschen. Sie war damals 16 Jahre alt.

1983, im Alter von 21 Jahren, hatte Kathi ihren Realschulabschluss „in der Tasche“ und der Bewerbungsmarathon (handschriftliche Bewerbungen) begann.

Bereits seit ihrem 19. Lebensjahr ist Kathi bei der Fraternität Behinderten-Selbsthilfe e.V. ehrenamtlich aktiv.

Berufsausbildung und berufliche Tätigkeit

Aufgrund der körperlichen Behinderung war es ein schwieriges Unterfangen, einen passenden Ausbildungsplatz zu finden. Dennoch gelang es Kathi, noch im Jahr 1983 eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten bei der Stadt Frankfurt zu beginnen, die sie drei Jahre später erfolgreich abschloss.

Nach der Ausbildung im Jahr 1986 wurde sie in der Verwaltung des Hauptfriedhofs Frankfurt eingesetzt.
Es sollte eine Arbeitsstelle in der Nähe der Wohnung sein, um die Fahrtkosten per Taxi im Rahmen zu halten.

1988 wechselte Kathi auf eigenen Wunsch zur Städtischen Pietät, wo sie bis zum Ende ihrer Berufstätigkeit im Jahr 2020 tätig war.

Ihr Aufgabengebiet umfasste vor allem die telefonische Beratung trauernder Angehöriger. Diese Arbeit erfüllte sie sehr, da sie Menschen in schwierigen Lebenssituationen beistehen konnte.

Kathis Worte dazu: „Auch wenn die Aufgabe nicht immer einfach war und viel Fingerspitzengefühl erforderte, wuchs ich an dieser Herausforderung. Ich habe versucht, alles zu geben, was in meiner Macht stand.“

Leben mit Assistenz

Kathi ist im Alter von 24 Jahren aus ihrem Elternhaus in eine eigene, barrierefreie Wohnung umgezogen.
In den ersten Jahren erhielt sie Unterstützung von ihrer Familie.

Im Herbst 1999 wurde der Verein selbst e.V. gegründet – unter anderem von Kathis damaliger Freundin, der Sozialarbeitern Petra Rieth (verstorben 2018), dem Sozialarbeiter Hannes Heiler, dem evangelischen Pfarrer Hans-Georg Friedrich-Döring, weiteren Menschen mit Behinderung, darunter auch Kathi.

Ziel des Vereins ist es, schwerbehinderten Menschen mit Hilfe von Assistenzkräften ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen.

Bereits vor der Vereinsgründung hatte Petra Rieth Kathi angesprochen, ob sie nicht unabhängig von der Hilfe der Familie leben wolle.

Im Jahr 2000 begann der Verein mit seiner praktischen Arbeit und Kathi war die erste Kundin. Ihr Hilfebedarf in den Bereichen Pflege, Hauswirtschaft und Freizeitgestaltung wurde ermittelt, Kostenträger war damals die Stadt Frankfurt.

Der Weg zur passenden Assistenz:

Um geeignetes Personal zu finden, schaltete selbst e.V. Inserate, in denen die Anforderungen an die gesuchten Assistenzkräfte beschrieben wurden.

Kathis Worte dazu: „Da ich zu der Zeit noch berufstätig war, war es sehr wichtig, dass die erste Kraft am Tag ihren Dienst bereits um 5:00 Uhr morgens beginnen konnte.“

Die Assistent:innen sind meist Laienkräfte, eine pflegerische Ausbildung ist keine Voraussetzung.
Für spezielle medizinische Tätigkeiten, wie zum Beispiel das Verabreichen von Spritzen, muss normalerweise ein Pflegedienst hinzugezogen werden.
In Kathis Fall dürfen die Assistenzkräfte – auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin – das Insulin spritzen.

Selbstbestimmung bei der Auswahl der Assistenzkräfte:

selbst e.V. führt eine Kartei, in der die potenziellen Kräfte mit ihren Wünschen und Vorstellungen gelistet sind.
Gemeinsam mit dem Kunden wird geschaut, wer am besten zu wem passen könnte.
Die endgültige Entscheidung trifft der behinderte Mensch nach einem persönlichen Vorstellungsgespräch.
Bei Kathi ist es mittlerweile so, dass neue Assistenzkräfte häufig durch Empfehlungen aus dem bestehenden Team zu ihr kommen.

Heute leitet Kathi ihren eigenen kleinen Betrieb:

Kathi beschäftigt eine Vollzeitkraft und acht Minijobber:innen, für die sie die Koordination übernimmt. Das bedeutet unter anderem, dass sie spätestens zehn Tage vor Beginn des neuen Monats einen Dienstplan erstellt. Es ist eine knifflige Angelegenheit, da sie die Arbeitszeiten der Minijobber:innen in deren Hauptberufen berücksichtigen muss.

Während die Assistenzkräfte ihre geleisteten Stunden in eine Arbeitszeiterfassung eintragen, wird die formale Abrechnung durch die Buchhaltung von selbst e.V. erledigt.

Bei der Einteilung der Dienste achtet Kathi ebenso auf die individuellen Fähigkeiten, Interessen und die körperliche Belastbarkeit jeder Person. So begleitet sie eine Kraft besonders gerne zu abendlichen Freizeitaktivitäten, während ein männlicher Assistent sie gezielt bei der Nutzung des ÖPNV unterstützt.

Kathis Worte dazu: „Die Planung erfordert ein hohes Maß an Organisationstalent. Insbesondere bei Krankheit der Assistent:innen muss ich sehr schnell umdisponieren.“

Zu den Assistenzkräften pflegt Kathi ein individuelles Verhältnis. Die Balance zwischen der persönlichen Nähe im Alltag und der Rolle als Arbeitgeberin sei ihr aber bisher sehr gut gelungen.

Fazit

Das Arbeitgebermodell ist ein wertvoller Weg, selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben zu können.

Dennoch muss man klar festhalten: Dieses Modell ist nicht für jeden Menschen mit Behinderung gleichermaßen geeignet. Während Kathi die Rolle als Organisatorin / Managerin schätzt, gibt es Menschen, die diese große Verantwortung und den Aufwand scheuen und die Aufgaben lieber in die Hände eines Pflegedienstes oder einer anderen Betreuungsform legen.

Das Büro von selbst e.V. berät Interessierte ausführlich über die Vor- und Nachteile des Arbeitgebermodells.
Kathi gehört dem Vorstand des Vereins an.

Informationen aus dem Flyer von selbst e.V.

selbst e.V.

… ist ein Selbsthilfeverein mit Dienstleistungsangebot für Menschen mit Behinderung und Hilfebedarf.

Selbstbestimmung bedeutet nach Auffassung des Vereins: „Pflegeabhängige Menschen sollen als Arbeitgeber ihrer Pflegekräfte eigenständig alle Entscheidungen treffen, die ihren Lebensalltag angehen.“

Das bedeutet konkret Hilfe in folgenden Angelegenheiten:

  • Klärung von Art und Umfang der Hilfestellungen
  • Finanzierung der HelferInnen durch Kostenträger
  • Suche nach neuen HelferInnen
  • Unterstützung bei der Anleitung von HelferInnen
  • Korrekte Abrechnung und Personalverwaltung
  • Vernetzung und Austausch mit anderen pflegeabhängigen ArbeitgeberInnen über Fragen von gemeinsamen Interessen

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage von selbst e.V.

Corinna Link