Kulturtipp Oktober 2015

von Christina Kupczak

Ausflug ins barocke Würzburg

CIMG7133

Ganz bequem auf einer schönen Landschaftsfahrt durch den Spessart erreicht man per Bahn die mainfränkische Hauptstadt IMG_9525Würzburg, wenn man 8:40 Uhr am Südbahnhof / Frankfurt abfährt. Viele alte kulturhistorisch bedeutsame Kleinstädte liegen auf der Strecke: Aschaffenburg mit Schloß, Stiftskirche, Pompejanum und der mediterranen Mainterrasse, Dettingen mit der expressionistischen St. Peter und Paul Kirche, einer der ersten modernen Kirchen Deutschlands mit beachtenswertem Kreuzweg, Lohr, die „Schneewittchenstadt“ mit dem eindrucksvollen Spessartmuseum und zauberhafter Altstadt, die Spessartorte Heigenbrücken und Partenstein, von wo aus wunderschöne Wanderwege in den größten Laubwald Deutschlands führen, Karlstadt mit der spätgotischen St. Andreaskirche und einer bewegenden monumentalen Salvator-Darstellung, dann erreicht man wieder am Main entlang fahrend Würzburg.

Würzburgs Kunstschätze kann man unmöglich an einem Tag würdigen, so beschränke man sich auf ein Thema, z.B. die barocken Kirchen und die Residenz. Gleich in der Nähe des Bahnhofs steht die mächtige Stiftskirche St. Johannes, auch Stift Haug genannt. Sie ist der erste monumentale Barockbau Frankens, eine Kreuzkuppelkirche im Stil des römischen Barock. In 14 Nischen der Westwand stehen die Schutzpatrone Frankens, die 14 Nothelfer und laden in den weiten und hohen Raum ein. Obwohl im 2. Weltkrieg stärk beschädigt, hat man die Kirche wieder rekonstruiert, ein Tafelbild (Kreuzigung) von Tintoretto ist im Altarraum ein würdiger Ersatz für den verloren gegangenen Hochaltar. Wie überall im Bistum Würzburg sind alte und moderne Kunst aufs glücklichste vereint, so auch hier passt ein archaisch anmutendes modernes Kreuz sehr gut in die barocke Kirche. Der Raum ist weiß, hoch, hell und hat eine wunderbare Akustik.

IMG_9529Von Stift Haug aus geht man durch ehemalige Altstadtgassen zum Neumünster, eine der barocken Hauptkirchen Frankens, gleich IMG_9549neben dem Kiliansdom gelegen. Die schwungvolle Westfassade aus rotem Sandstein gehört zu den schönsten Barockzeugnissen Deutschlands. In der Krypta liegen die Gebeine der Frankenheiligen Kilian, Kolonat und Totnan , iroschottische Wandermönche, die im 7./8. Jahrhundert den christlichen Glauben nach Franken brachten. Ein großes Tafelbild von Michael Triegel, (Triumphator) ein Maler der Leipziger realistischen Schule, schmückt die weit gezogene Krypta, in welcher nicht nur der Märtyrer aus der karolingischen Zeit gedacht wird, sondern auch den ermordeten Priestern aus dem KZ Dachau. Der Kirchenraum, in welchem noch die romanische Basilika sichtbar ist, erglänzt in weiss und gold, auch hier sind moderne Bilder mit alten Kunstepochen gut kombiniert. Unter der rekonstruierten Barockkuppel befinden sich ein Gekreuzigter aus dem 14. Jahrhundert, der vom Kreuz zu steigen scheint und den Betrachter umarmen will, sowie eine atemberaubend schöne Madonna mit Kind, unverkennbar von Tilman Riemenschneiders Meisterhand angefertigt. Im Eingangsbereich wurden zwei Kapellen ganz modern ausgestaltet. Hinter der Kirche befindet sich das Lusamgärtlein mit einem erhalteten Kreuzgangarm aus der Romanik und dem Grab Walthers von der Vogelweide, ein romantischer Ort, der würdig an den berühmten Minnesänger erinnert.

Überraschend neu gestaltIMG_9550et ist die barocke Augustinerkirche, mit einer modernen Sitzordnung im Langhaus rund um den schlichten Altartisch. Auch hier gibt es eine ansprechende moderne Kunst kombiniert mit dem IMG_9559Überschwang des Barock. Im schwarzen Chorgestühl sitzt eine Augustinus Figur, ganz ungewohnt nicht als mittelalterlicher Bischof gewandet, sondern als antiker Redner, mit weißer Toga und einem hoch aufflatternden Schriftband. So mag Augustinus wirklich ausgesehen haben.

In der Apsis ein Riesenbild mit dem Thema des Himmlischen Jerusalems. Der Eingangsbereich empfängt den Besucher mit einer goldene Wand, ein Meditationsort mit Lichtertisch, erstes Innehalten auf dem Weg ins Innere der Kirche. Oft hat man das Glück Organisten hier üben zu hören und der Klang der romantischen Orgel reisst jeden Besucher mit.

Danach empfiehlt sich eine Pause auf Würzburgs Marktplatz, der viele fränkische Genüsse zu bieten hat, bevor man am Nachmittag durch die Hofstraße die Fürstbischöfliche Residenz erreicht, UNESCO Weltkulturerbe mit dem einzigartigen Treppenhaus und Prachträumen im Stil des Rokoko. Davor steht der Franconia Brunnen mit den Würzburger Meistern: Walther von der Vogelweide, Tilman Riemenschneider und Mathias Grünewald. Ein kleiner Spaziergang durch den anschließenden Hofgarten empfiehlt sich, man erreicht über die Theater- und Textorstraße die Hauger Pfarrgasse und kann dort ins Weinhaus Schnabel IMG_9592einkehren, eine der ältesten Weinstuben Würzburgs mit hervorragender Speisekarte . Dort kann man den Frankenwein genießen, der auch hessische Liebhaber hat. In 15 Minuten erreicht man bequem den Bahnhof Würzburg und um 18:34 Uhr fährt die Regionalbahn wieder Richtung Frankfurt, wo um IMG_802720:17 Uhr der Südbahnhof erreicht wird. Dank Deutschlands vielfältiger Kulturlandschaft hat man in unmittelbarer Nähe doch eine Reise ins 18.Jahrhundert erlebt, und mal vom Frankfurter Trubel abgeschaltet.


Kommentare sind geschlossen.

    lukas14.de Webutation