Kulturtipp Juni 2016

Dmitri Schostakowitsch (1905-1975)

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch – geboren am 25. September 1906 in St. Petersburg, verstorben am 9. August 1975 in Moskau – zählt neben Igor Strawinski (1892-1971), Sergei Prokofijew (1891-1952), Sergeij Rachmaninow (1873-1942) und Alexander Srkjabin (1872-1915) zu den wichtigsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er komponierte 15 Sinfonien, zwei Opern und andere Musik für die Bühne, Chorwerke sowie Instrumentalmusik für die unterschiedlichsten Besetzungen. Im Bereich der Kammermusik sind vor allem seine 15 Streichquartette zu erwähnen. Während des Regimes von Josef Stalin gelang ihm der Spagat zwischen dem Schaffen regimkonformer Musik (Naturalismus) und einer eigenen, oftmals äußerst kritisch getimmten Musiksprache (Formalismus).

Schostakowitsch wurde als zweites von drei Kindern des Physikers und Mathematikers Dmitri Boleslawowitsch Schostakowitsch und seiner Frau, der Pianistin Sofia Kokulina geboren. Sein Großvater väterlicherseits stammte aus einer polnischen katholischen Familie, er wurde, aufgrund seiner Teilnahme am Januaraufstand von 1863/64 nach Narym (bei Tomsk) verbannt und konnte als Banker Fuß fassen.

Das musikalische Talent des jungen Schostakowitsch wurde früh erkannt und durch Klavierunterricht gefördert, 1919 wurde er Schüler am Konservatorium von Petrograd (der Name St. Petersburgs von 1914 bis 1924) in den Fächern Klavier und Komposition. Förderung erhielt er auch durch dessen Direktor Alexander Glasunow, obwohl dieser mit Schostakowitsch’s Kompositionen nicht viel anzufangen wusste: „Ich finde seine Musik schrecklich. Es ist das erste Mal, dass ich die Musik nicht höre, wenn ich die Partitur lese. Aber das ist unwichtig. Die Zukunft gehört nicht mir, sondern diesem Jungen.“ 1925 schrieb Schostakowitsch als Diplomarbeit seine 1. Sinfonie, die am 12. Mai 1926 von den Leningrader Philharmonikern unter Nikolai Malko uraufgeführt wurde. Knapp ein Jahr später folgten Aufführungen in Deutschland, Italien und den USA. Erstmals Ärger gab es für Schostakowitsch aufgrund seines Balletts Der Bolzen – ein Stück über Industriespionage, das 1931 abgesetzt wurde.

Nach dem mäßigen Erfolg seiner ersten Oper Die Nase, wurde am 20 Januar 1934 seine zweite Oper Lady Macbeth von Mzensk in Leningrad uraufgeführt, zwei Tage später folgte die Moskauer Erstaufführung. Zwei Jahre lang wurde die Oper in Russland 120 Mal gespielt und gelangte auch im Ausland zu Ansehen, bis am 16. Januar 1936 Stalin eine Vorstellung der Oper Im Bolschoi-Theater besuchte und bereits am Aufführungsabend eine ablehnende Reaktion zeigte. Am 28. Januar erschien inder Prawda der Artikel Chaos statt Musik, in welchem hart mit Schostakositsch und seiner Oper ins Gericht gegangen wird. Das Vorgehen des Komponisten wurde dort als „ein Spiel“, bezeichnet, „das böse ausgehen kann.“ Angesichts der kulturellen Säuberungen, die 1934 mit Kirows Tod einsetzten, musste Schostakowitsch um sein Leben fürchten. Er zog seine bereits vollendete 4. Sinfonie zurück und begann im Frühjahr 1937 die Arbeit an seiner 5. Sinfonie, die er im Untertitel als „praktische Antwort eines Sowjetkünstlers auf gerechte Kritik“ bezeichnete.

Das Werk brachte Schostakowitsch Rehabilitation ein. Das Marschfinale wurde damals meist als Verherrlichung des Stalin-Regimes gesehen, Schostakowitsch jedoch deutete dies in seinen Memoiren später so. „Was in der Fünften vorgeht, sollte meiner Meinung nach jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen. […] So als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu: Jubeln sollt ihr! Jubeln sollt ihr! Und der geschlagene Mensch erhebt sich, kann sich kaum auf den Beinen halten. Geht, marschiert, murmelt vor sich hin: Jubeln sollen wir, jubeln sollen wir. Man muss schon ein kompletter Trottel sein, um das nicht zu hören.“ Ähnliche Äußerungen gibt es auch über die 7. Sinfonie, die Schostakowitsch während der Belagerung Leningrads 1941 komponierte und die als sein bekanntestes Werk gilt. Hierüber sagte der Komponist: „Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten …“

Trotz des großen Erfolges dieser beiden und auch anderer Werke, geriet Schostakowitsch gemeinsam mit anderen Kollegen 1948 unter den Generalverdacht des „Formalismus“ und der „Volksfremdheit“, hierbei hatte er vor allem den Sekretär des Komponistenverbandes Tichon Chrenniov gegen sich. Ungeachtet dieser Angriffe komponierte Schostakowitsch weiter, tat dies aber oft nur für die Schublade.

Stalins Tod 1953 verarbeitete Schostakowitsch in seiner 10. Sinfonie, in der er Stalin auch seine eigene Person gegenüberstellte – durch die Verwendung seiner Initialen in Musik D, Es, C, H (ähnlich wie B A C H). Dieses Monogram erklingt mehrfach in den Werken Schostakowitschs, vor allem im 8. Streichquartett, dass er 1961 innerhalb von drei Tagen während eines Aufenthaltes in Dresden komponierte und „den Opfern von Faschismus und Krieg“ widmete. Es ist sein autobiografischstes Werk und enthält eine Reihe von Zitaten aus seiner Musik.

Im Laufe der 1960er Jahre verschlechtert sich Schostakowitschs Gesundheitszustand. Zu einer chronischen Lungenerkrankung (aus den 1920er Jahren) kommen eine Rückenmarksentzündung und ein Herzinfarkt hinzu. Von einem Beinbruch 1967 bleibt eine Gehbehinderung zurück. Ab den späten 1960er Jahren setzt er sich musikalisch intensiv mit dem Thema „Tod“ auseinander, so z. B. in seiner 14. Sinfonie (1969), seinem 15. Streichquartett (1974) und seinem letzten vollendeten Werk, der Bratschen-Sonate (1975). Schostakowitsch starb am 9. August 1975 in Moskau. Er war dreimal verheiratet, sein Sohn Maxim wurde ein erfolgreicher Pianist und Dirigent.

 

Photo by Fotothek_df_roe-neg_0002792_002_Portrait_Dmitri_Dmitrijewitsch_Schostakowitchs_im_Publikum_der_Bachfeier.jpg: Roger & Renate Rössing, credit Deutsche Fotothek.derivative work: Improvist [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

 


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