Kulturtipp Dezember 2016

Die Verbindung von Tradition und Gegenwart


Einführung in das Oratorium STERNSTUNDEsternstunde

Wohl kaum ein anderes Fest ist in einem solchen Maße mit Traditionen und Erwartungshaltungen an dieselben verbunden wie Weihnachten. Eine tragende Rolle spielt hierbei die Musik, was sich nicht nur auf Weihnachtslieder bezieht sondern auch, wie im Fall von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, auf ganze Kompositionen. Ein modernes Weihnachtsoratorium sollte daher zum einen textlich wie musikalisch auf der Höhe der heutigen Zeit sein, zum anderen aber auch die Tradition im Blick haben.

Der Titel lässt unweigerlich an die Novellensammlung Sternstunden der Menschheit von Stefan Zweig aus dem Jahr 1927 denken. Im Vorwort zu dieser Sammlung hat Zweig die Wahl dieses Begriffes wie folgt erläutert: „Solche dramatisch geballten, solche schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist, sind selten im Leben eines Einzelnen und selten im Laufe der Geschichte.“ Was läge also näher, diesen Titel auch für eine Vertonung der Weihnachtsgeschichte zu wählen, die quasi paradigmatisch für die Verbindung von besonderen Ereignissen und Sternenkonstellation steht.


Der Text

Der Text spannt inhaltlich einen großen Bogen von der Adventszeit bis zum Fest „Darstellung des Herrn“, das bis zur Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1960er Jahren als Abschluss des Weihnachtsfestkreises gefeiert wurde. Es gibt fünf Solopartien, die allesamt nicht nur inhaltliche sondern auch symbolische Funktion besitzen: der Prophet steht für das Alte Testament, Maria, die Gottesmutter, für das Neue Testament, der Engel für die himmlische Ebene, das Evangelistenpaar für die menschliche Ebene. Die Evangelisten sind bewusst mit beiden Geschlechtern besetzt, um die Gesamtheit der Menschen zu zeigen. Der Aufbau des Oratoriums gliedert sich in fünf Bilder:

Bild I – Prophezeiung: Textlich greift dieser Abschnitt auf Abschnitte des Alten Testaments zurück. Die Ankunft und Menschwerdung Gottes steht in enger Verbindung mit der Erschaffung der Welt („Im Anfang war das Wort“), denn Gott lässt seine Schöpfung nicht allein sondern will in Christus Mensch werden. Dies wird vom Propheten angekündigt, durchsetzt mit Kommentaren des Chores. Die folgenden Bilder II bis IV sind als thematische Einheit zu sehen.

Bild II – Lobpreis: Eingeleitet durch den Chor „Mache dich auf und werde Licht“, stehen hier die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel und das Magnificat im Zentrum. Dem Text des Magnificat (vorgetragen von der Solistin) werden, mit Bezug auf die Textzeile „Nun preisen mich selig alle Völker“, die Seligpreisungen (vom Chor gesungen) gegenübergestellt. Diese sind dabei so angeordnet, dass sie inhaltlich mit den einzelnen Abschnitten des Magnificat korrespondieren. 

Bild III – Sternstunde: Dieser Abschnitt umfasst die zentrale Weihnachtsgeschichte; die Geburt Jesu, die Episode der Hirten auf dem Felde, das Versammeln um die Krippe, das in Form einer Meditation dargestellt ist. Das Bild schließt mit dem Lob der Hirten.

Bild IV – Erfüllung: Hier rücken der Bericht von den Sterndeutern (den heiligen drei Königen) und das Gebet des weisen Simeon im Tempel („Nunc dimitis“) in den Vordergrund. Ein Chor mit der Bitte „Lass uns Mensch sein nach deinem Bild“ leitet in den Schlussteil über.

Bild V – Menschwerdung: Dieser Abschnitt stellt eine Gegenklammer zum ersten Bild dar. Die Menschwerdung Gottes ist, ähnlich wie die Schöpfung, kein abgeschlossener Prozess, sie wirkt bis heute. Dass sie dabei oftmals vergessen wurde zeigt der eröffnende Abschnitt „Wo bist du, Mensch“. Inhaltlich geht er auf eine Meditation zurück, die Papst Franziskus am 27. Mai 2014 in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gehalten hat. Sie thematisiert die Abwendung des Menschen von Gott. Dem gegenübergestellt sind Abschnitte aus den Briefen an die Kolosser und an die Epheser, die auch als Lesungstexte im Laufe des Weihnachtsfestkreises auftauchen, ebenso erklingt ein berühmt gewordenes Zitat des Limburger Altbischofs Franz Kamphaus: Mach’s wie Gott, werde Mensch! Am Ende des Werkes steht ein festlicher Lob- und Dankgesang des gesamten Ensembles, gefolgt von einer Variante des Eingangschores.


Die Musik

Die musikalische Gestaltung des Oratoriums zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus, welche die unterschiedlichsten Stilelemente beinhaltet. Der zu Beginn des Werkes im Text dargestellte Schöpfungsgedanke wird durch die Komposition aufgegriffen. Das Werk beginnt mit einem breit gefächerten Cluster in den Streichern, bevor mit Elementen der „minimal music“ (kurze, sich stetig wiederholende Tonfolgen, die durch die verschiedenen Stimmen des Orchesters wandern) ein „Sternentanz“ zelebriert wird, der im Eröffnungschor mündet. In verkürzter Forme finden sich diese Klänge auch am Ende des Oratoriums, wodurch der Eindruck eines großen Ganzen unterstrichen wird. Das Lob der Hirten auf dem Felde (Bild III, Finale) greift ebenfalls die Musik des Eröffnungschores auf, somit verfügt das Werk über eine klangliche Achse.

Zeitgenössische Klänge ganz anderer Art begegnen den Zuhörer im Magnificat (Bild II), die sich rhythmisch und harmonisch eher im Bereich von Jazz oder Rock ansiedeln lassen. Die Schlussakkorde des zweiten Bildes bilden ein loses Zitat aus Talkin‘ about my generation von The Who – ein augenzwinkernder Verweis auf die vielen Generationen, die im Magnificat angesprochen werden. Doch auch Klänge des orientalischen Kulturraums lassen sich erkennen – so ist der Lobpreis des weisen Simeon in Bild IV im Tonfall von Klezmer-Musik gehalten, was auf die prophetisch-jüdische Tradition verweist, in der Simeon steht.

Das Oratorium ist dennoch stark durchdrungen von weihnachtlichen Musiktraditionen. Drei davon sind durch das Libretto vorgegeben: so erklingt im ersten Bild das Adventslied Veni, veni Emanuel, hier mit unveränderter Melodie und originalem Text. Die Krippenmeditation in Bild III ist als Variationen über das Lied Stille Nacht, heilige Nacht angelegt, diese verlaufen jedoch in einer umgekehrten Folge, sodass das eigentliche Lied erst in der sechsten Strophe (die gleiche Strophenzahl wie im originalen Lied) zu erkennen ist. Ebenso enthält das dort auftauchende Gloria-Motiv Anklänge an das schlesische Weihnachtslied Transeamus usque Bethlehem. Der große Schlussjubel in Bild V basiert auf dem englischen Weihnachtslied Hark, the herald Angles sing!, dessen Melodie ursprünglich von Felix Mendelssohn-Bartholdy auf den Text Vaterland in deinen Gauen (aus einer Huldigungskantate für Johannes Gutenberg 1840) komponiert wurde. Darüber hinaus werden zahlreiche Advents- und Weihnachtslieder, teils versteckt, teils sofort ersichtlich im Laufe des Werkes zitiert: Komm, du Heiland aller Welt (Bild I), Maria durch ein Dornwald ging (Bild II, Arie Marias), Vom Himmel hoch (Bild III, Hirten auf dem Felde), Es ist ein Ros entsprungen (Bild III, an der Krippe) und Adeste fideles (Bild IV, orientalisch paraphrasiert). In Bild IV findet sich darüber hinaus ein Rückgriff auf ein früheres Werk von Peter Reulein. Die Passage Es wird ein Stern in Jakob steh’n für Männerterzett und Chor basiert auf dem Eingangschor der Adventskantate Die Nacht durchbrich mit deinem Licht (Text: Eugen Eckert, Musik Peter Reulein) aus dem Jahr 2002. Somit gäbe es durch diese Parodie auch eine kleine Referenz an Johann Sebastian Bach, der ein solches Verfahren in seinem Weihnachtsoratorium mehrfach anwendete.


Lutz Riehl
  

 


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