Kulturtipp April 2016

Schulz und Tod

Ein Ostermärchen

 

Eines schönen Tages begab es sich, dass der Tod die Agentur für Arbeit betrat und seine Schritte über die langen Flure lenkte. An einer Tür mit der Aufschrift Weiterbildende Maßnahmen und Umschulungen, vor der eine große Menschenmenge wartete, machte er Halt und beschloss hineinzugehen.
„He, Sie!“, blaffte ihn einer der Wartenden an, „Vordrängeln gibt’s hier nicht! Schön hinten anstellen, wie wir alle!“ Mit durchdringendem Blick fixierte ihn die blasse, hagere Gestalt, die mit einen schwarzem Mantel und breitkrempigem Hut bekleidet war, worauf sich der Mann mit einem schüchternen „Schon gut, schon gut, geh’n Sie ruhig hinein“ wieder zurückzog. So geschah es, dass der Tod in das Büro von Herrn Schulz trat.
Schulz, ein freundlicher älterer Herr mit Glatze und weißem Ziegenbärtchen, staunte nicht schlecht angesichts dieses seltsamen Bittstellers, der beim Hereinkommen seinen Hut abnahm. Zwei funkelnde, in dunklen Höhlen liegende Augen starrten ihn aus einem kahlen Schädel an, was Schulz jedoch nicht daran hinderte, sein freundlichstes Gesicht aufzusetzen.

death-159120_640„Bitte nehmen Sie Platz“, lächelte er sein Gegenüber an und wies mit einer einladenden Handbewegungen auf einen Stuhl, „Sie möchten sich also beruflich verändern?“
„Ja, das ist richtig“, entgegnete der Tod und setzte sich. Die Stimme, mit der er sprach,  erinnerte an ein langes kehlig-heiseres Stöhnen.
„Du lieber Himmel“, schaltete sich der Beamte ein, „die Erkältungswelle hat Sie ja ganz schön erwischt. Mit so etwas soll man nicht spaßen. – Hier, bitte“, Herr Schulz schob seinem Besucher eine Dose mit Salbeibonbons über den Tisch, „Versuchen Sie’s mal damit. Mir hilft das jedenfalls immer.“ Verdutzt besah sich der Tod die kleinen Kügelchen, schließlich nahm er eines davon und schob es sich lustlos in den schmalen Mund, worauf einige klickende und mahlende Geräusche folgten.
„Na schön“, fuhr der leicht irritierte Schulz fort, „bringen wir erst einmal diese leidigen Formalitäten hinter uns“. Er holte ein Formular hervor und griff nach einem Stift: „Ihr Name?“
„Tod“, erwiderte wahrheitsgemäß der Tod.
Der Sachbearbeiter wurde stutzig. Es gab schon seltsame Namen, dachte er, aber dafür konnte schließlich niemand etwas. „Gut“, riss er sich zusammen, „und Ihr Vorname?“
Fragend blickte der Besucher zu Schulz. „Na, Ihr Vorname“, antwortete dieser, „Sie werden ja wohl einen Vornamen haben.“
Der Tod überlegte ein wenig, bevor er ein unheimliches „Gevatter“ hauchte.
„Gevatter Tod?“, nun musste Schulz lachen, „Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass Ihr vollständiger Name Gevatter Tod lautet.“
„Ich bin unter vielen Namen bekannt“, entgegnete ihm der seltsame Gast mit gravitätischem Pathos, „Freund Hein, der Sensenmann, oder auch Boandlkramer – ganz wie es beliebt.“

Herr Schulz atmete deutlich hörbar aus. Hier begegnete man zweifelsohne  einigen schrägen Vögeln, aber dieser hier übertraf wirklich alles. Davon unbeirrt griff er die Fragen des Formularbogens wieder auf: „Wann sind Sie geboren?“
„Geboren? – Ja nun, mit Geburtstagen kenne ich mich nicht sonderlich aus“, der Tod hob entschuldigend seine knochigen Hände, „ich hatte hauptsächlich mit Todestagen zu tun – sozusagen berufsbedingt, Sie verstehen?“
„Selbstverständlich“, beeilte sich Schulz, der keineswegs verstand. Das würde ein ziemlich harter Fall werden. „Also gut“, fügte er nach kurzem Überlegen entschlossen hinzu, „die Personalien können wir später erledigen. Schauen wir uns mal Ihre Berufspraxis an. In welcher Branche haben Sie denn bisher gearbeitet?“
„Als Tod!“, erklärte der Besucher beharrlich, ganz offensichtlich bekümmert darüber, wie wenig er hier verstanden wurde.
Nun begann sich bei Herrn Schulz doch eine gewisse Ratlosigkeit auszubreiten, seinen Gast nach Einkommen und Aufstiegschancen in diesem Berufszweig zu befragen erschien ihm relativ sinnlos. Aber sein Motto lautete: Erst aufgeben, wenn Du alles versucht hast. Er fasste sich also ein Herz und fragte: „Haben Sie irgendwelche Referenzen?“ Als der Tod hierauf begann, mit einer Aufzählung historisch bedeutender Schlachten, Kriege und Epidemien anzusetzen, gebot ihm der Sachbearbeiter schon nach kurzer Zeit Einhalt.
„Das – nun, klingt ganz so, als seien Sie beruflich mehr als ausgelastet“, versuchte Herr Schulz den Faden wieder aufzunehmen, „warum möchten Sie also den Beruf wechseln?“
„Ach“, stöhnte der Befragte, „kurz gesagt, wegen des Berufsgeheimnisses.“
„Berufsgeheimnis?“, erwiderte der Beamte, „Ich wusste gar nicht, dass der Tod überhaupt eines hat.“
„Sehen Sie“, sagte der Tod, „das ist es ja. Es gab eines, aber seit dem es dieser Kerl ans Licht gezerrt hat, ist es vorbei mit meiner Vormachtstellung.“
„Was für einen Kerl meinen Sie?“, fragte Schulz, der sich nun ehrlich interessiert zeigte.
Der Tod streckte seinen weißen dürren Zeigefinger aus und wies auf ein Kruzifix, das über Schulzens Schreibtisch hing. „Diesen da“, stöhnte die Gestalt laut auf.
„Jesus Christus?“, Schulz lächelte wieder, „ja, da haben Sie recht. Im Grunde ist das kaum zu glauben, aber er hat gezeigt, dass der Tod nicht das Ende ist.“
„Eben“, unterbrach ihn der Tod, „er hat mein Berufsgeheimnis zerstört. Herrje, ich war einmal ein Mythos, ein sehr bedeutender sogar, aber ist ein Mythos erst einmal entschleiert, fangen die Leute an, darüber zu lachen.“

„Da gibt es eine schöne Schriftstelle“, fügte Schulz hinzu, der zum Leidwesen seines Gastes auch noch katholisch war, „Tod, wo ist dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg! Wenn Sie mich fragen, es ist doch schön zu wissen, dass unsere Heimat im Himmel ist, wie es an einer anderen Stelle heißt.“
„Ja“,  erwiderte der Tod, dessen Miene sich noch mehr verfinstert hatte, „dieser Paulus musste ja unbedingt noch nachtreten – als würde es nicht reichen, dass ich am Boden liege. Aber in meine Lage versetzt sich niemand: Wenn man erst einmal Tod ist, macht das Leben keinen Sinn.“
„Nun, verbreiten Sie mal keine Friedhofsstimmung“, ermunterte Schulz seinen Besucher, der ihm jetzt doch ein wenig Leid tat.
„Ich habe nichts anderes gelernt“, meinte der Tod darauf achselzuckend.
Schulz lachte: „Ich muss sagen, diese Todesnummer beherrschen Sie ganz ausgezeichnet. Eigentlich fehlt Ihnen nur noch die Sense.“
„Was denken Sie von mir“, entgegnete der Tod angestachelt, „immer am Ort.“ Mit diesen Worten griff der Gast in seinen Mantel, holte ein kleines Päckchen von der Größe eines Taschenschirms heraus, das er mit drei Handgriffen zu einer furchterregenden Sense entfaltete. Als er die Klinge durch die Luft sausen ließ, entstand ein Klang, der an den Schlag einer großen Kirchenglocke erinnerte. Danach faltete der Tod das Werkzeug wieder zusammen und ließ es ebenso rasch wieder verschwinden, wie er es hervorgezogen hatte.
„Donnerwetter“, nickte Schulz anerkennend, „den großen Auftritt beherrschen Sie jedenfalls. – Einen Augenblick, vielleicht habe ich da etwas für Sie.“ Herr Schulz griff in einen Stapel und zog eine dünne Mappe heraus. „Hier“, sagte er und reichte dem Tod zwei Blätter hinüber, „Wäre das nicht etwas für Sie?“

Befremdet starrte der Gast auf das erste der beiden Papiere. Es trug die Aufschrift Die Sommerfestspiele Bad Hersfeld präsentieren Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ vom 15. Juli bis zum 30. August. Schulz deutete auf das zweite Blatt: „Die suchen dort noch einen Darsteller für den Tod – da wären Sie ideal. Melden Sie sich da mal, ich kenne den Regisseur, denke schon, dass er sie nehmen wird.“
Der Tod sah Schulz verstört an: „Was denn, ich soll mich spielen?“
„Sie sind wirklich einmalig“, prustete Schulz heraus, „ja, natürlich. Nur eines noch: Tragen Sie beim Vorsprechen nicht ganz so dick auf wie hier – ein wenig mehr Zurückhaltung, aber das schaffen Sie schon.“ Immer noch sichtlich verwirrt schob der Tod die beiden Blätter in die Falten seines Mantels und ging zur Tür. Die Dose mit den Salbeibonbons hatte er inzwischen geleert.
„Auf Wiedersehen“, verabschiedete sich Schulz.
„Worauf Sie sich verlassen können“, keuchte der Tod.
Herr Schulz brach erneut in schallendes Gelächter aus, und bevor der Gast sein Büro verlies konnte er noch sehen, dass der Tod lächelte.

© Lutz Riehl, 22. März 2013

 


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