Bärbel und Georg
Wie kam es zu Eurer Hörschädigung?
Georg: Mit 6 Monaten hatte ich Hirnhautentzündung, im Krankenhaus wurde festgestellt, dass ich voll taub bin. Aber ich hatte Glück, dass ich nicht auch blind wurde, sondern nur gehörlos bin.
Bärbel: Wie meine Taubheit entstand ist unklar. Wir waren Flüchtlinge aus dem Böhmerwald und vermutlich ist die Gehörlosigkeit während der Flucht entstanden. Als ich nicht sprach und auf Rufen nicht reagierte, kam der Verdacht auf, dass ich taub bin. Ich habe etwas Restgehör und es wurden viele Hörgeräte bei mir ausprobiert, aber es half nichts, die Hörgeräte haben mich immer nur gequält. Ich sagte dann: Schluss, ich bleibe taub! Und heute bin ich zufrieden.
Was bedeutet für Euch die Behinderung der Hörschädigung?
Georg: Heute für mich kein Problem.
Als Kind war ich ahnungslos, hatte keine Vorstellung von Behinderung. Ich soll sehr grob gewesen sein und war als Kind aggressiv. Erst mit 17 Jahren hatte ich eine Krise, weil ich taub war. Damals habe ich gemerkt, dass mein Leben anders verlaufen wird.
Bärbel: Früher, als Kind hatte ich immer Angst vor dem Sprechen, auch im Beruf wollte ich zuerst nicht sprechen. Werde ich ausgelacht? Ich war unsicher. Langsam, langsam habe ich dann doch gesprochen. Auch ich habe erst später gemerkt, dass mein Leben anders sein wird, wie das der hörenden Menschen.
Sind Gehörlosengemeinschaften wichtig?
Ja, Gehörlosengemeinschaften waren für uns als Jugendliche wichtig. Wir haben dort Gebärdensprache gelernt.
Heute fühlen wir uns „nicht behindert“, obwohl wir nicht hören können. Das Wort „behindert“ kommt uns komisch vor. Wir bewegen uns ganz normal in der Welt, wir reisen viel, auch privat, selbst organisiert und haben in anderen Ländern auch keine Probleme. Wir sind alleine nach Asien, Afrika und Amerika gefahren, auch in Europa sind wir viel mit dem Auto unterwegs gewesen und reisen immer noch gerne.
Wir empfinden uns als „Gehörlose“, nicht als „Behinderte“. Wir unterscheiden nicht zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Auf alle Menschen gehen wir erst einmal positiv zu: Mit Lautsprache und Gebärden, dann geht es meistens gut. Positive Ausstrahlung und Lachen sind sehr wichtig!
Ihr seid in LUKAS 14 engagiert. Warum arbeitet Ihr mit?
Wir brauchen Erfahrung mit anderen Menschen, die anders leben. In LUKAS 14 sind viele unterschiedliche Menschen. Trotz aller Unterschiede gibt es eine große Gemeinschaft, z.B. beim Evangelienspiel.
Habt Ihr eine „persönliche Nachricht?“
Hörende haben eine Sprache und Gehörlose haben eine Sprache, Wir kennen viele Taubblinde. Seit vielen Jahren arbeiten wir ehrenamtlich mit Taubblinden, wir beherrschen taktiles Gebärden und Lormen, als Kommunikationsmittel für taubblinde Menschen.
Georg: Ich denke wir Gehörlosen können gut leben, aber Taubblinde? Sie brauchen Kontakt und Hilfe. Seit 16 Jahren begleiten wir taubblinde Menschen auf Veranstaltungen, im Urlaub und auch privat. Anfangs war der Taubblindenseelsorger uns gegenüber sehr kritisch, weil wir selbst gehörlos sind und er glaubte nicht, dass wir es schaffen. Aber heute sind wir beide erfahren und ich darf sagen, dass wir geschätzte Betreuer von Taubblinden sind. Diese Arbeit macht uns viel Freude und gibt unserem Leben einen weiteren Sinn, ein Ziel, eine wichtige Aufgabe. Damals waren wir die ersten gehörlosen Betreuer für Taubblinde, heute gibt es immer mehr. Jetzt gibt es auch Schulungen für Betreuer und im Bistum Stuttgart –Rottenburg einen hauptamtlichen taubblinden Diakon. Toll!
Wir möchten alle auf die taubblinden Menschen aufmerksam machen.
Georg: Ach ja… was ich mir noch wünsche sind viel mehr Untertitel in Dokumentations- und Nachrichtensendungen im Fernsehen!
Unser empfohlener Link:
www.taubblindenwelt.de
Georg lormt für Kalli