Corinna
Wie kam es zu Deiner Sehbehinderung?
Aufgrund einer angeborenen Netzhauterkrankung bin ich seit meiner Geburt sehbehindert. Bis zu meinem 27. Lebensjahr habe ich aber noch so viel gesehen, dass ich ohne Lupe lesen und mich überall gut zurechtfinden konnte. Ich habe Regelschulen besucht und mich selbst auch nicht als behindert wahrgenommen. So wie ich damals gesehen habe, war es für mich völlig normal. Meine Freunde waren – bis auf eine körperbehinderte Freundin, die ich mit 14 Jahren in der Jugendgruppe meiner damaligen Kirchengemeinde kennenlernte – alle „nichtbehindert“.
Zwischen dem 27. und 31. Lebensjahr kam es dann zu mehrfachen Netzhautablösungen an beiden Augen und nach zahlreichen Operationen habe ich heute ein geringes Restsehvermögen auf einem Auge. D. h., ich sehe in einem bestimmten Winkel und Ausschnitt bei sehr guter Beleuchtung Umrisse und Farben und komme mit entsprechenden Hilfsmitteln, wie Bildschirmlesegerät, Vergrößerungssoftware am PC, Blindenlangstock, sehr gut zurecht. Die ersten Jahre nach der Sehverschlechterung waren nicht einfach aber heute habe ich mich hundertprozentig daran gewöhnt. Die Sehbehinderung ist für mich „kein Thema“ mehr.
Wie definierst Du Behinderung für Dich persönlich?
Ich selbst fühle mich aufgrund der Sehbehinderung nicht als Behinderte, da ich sehr selbständig bin und keine großen Einschränkungen habe. Ich denke aber, dass jeder Mensch Stärken und Schwächen hat, egal ob mit oder ohne Handicap.
Allerdings sind meine Nerven etwas angespannt wenn mich zum 1.000 Mal eine fremde Person auf der Straße anspricht mit dem Satz: „Haben Sie das schon immer, kann man das nicht operieren?“ Oder: „Vorsicht, da kommt eine Blinde!“
Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn mich Menschen, mit denen ich meine Freizeit verbringe, z. B. auch bei Lukas 14, nach meiner Sehbehinderung befragen, aber fremde Personen auf der Straße, das empfinde ich einfach nur als störend und übergriffig.
Sind spezielle Gruppierungen und Verbände für Behinderte wichtig und warum?
Gesellschaftlich betrachtet halte ich Selbsthilfeorganisationen zur Durchsetzung von Interessen der Betroffenen sowie zur Information über bestimmte Krankheitsbilder als sehr wichtig.
Auch darüber hinaus ist der Austausch unter Gleichgesinnten für manche Menschen notwendig und oft auch die einzige Möglichkeit, Kontakte zu pflegen.
Ich persönlich fühle mich nicht zu Blindenorganisationen hingezogen, da mir der Austausch mit nur einer bestimmten Gruppe von behinderten Menschen zu einseitig ist. Nichtsdestotrotz bin ich passives Mitglied in einer solchen Organisation, um eben die o. g. gesellschaftspolitische Arbeit mit meinem Mitgliedsbeitrag wenigstens ein wenig unterstützen zu können.
Warum engagierst Du Dich, nimmst Du teil am LUKAS 14 – Programm?
Die Frage fügt sich nahtlos an oben an. An Lukas 14 gefällt mir die Vielfältigkeit der Menschen, die dort zusammentreffen. Es ist eben keine Behindertenorganisation sondern ein Verein, in dem jeder so akzeptiert wird, wie er ist. Natürlich gibt es auch – wie in jedem Verein – „Tratsch und Klatsch“ aber es steht eben nicht der Aspekt einer Behinderung im Vordergrund. Ebenso schätze ich an Lukas 14 das abwechslungsreiche Programm, die verschiedenen Projekte und Gruppen, insbesondere natürlich den integrativen Gebärdenchor, dem ich gerne angehöre.
Hast Du eine Dir persönliche ‘Botschaft’, Meinung an die sog, ‘Nicht-Behinderten?’
Persönliche Botschaft:
Prinzipiell gibt es nichts Besonderes zu beachten, wenn Sie / Ihr mit mir Kontakt aufnehmen möchtet. Sie / Ihr könnt auf mich wie auf jeden anderen Menschen zugehen. Ich bin auch nicht empfindlich, wenn ich bzgl. meiner Sehbehinderung von Leuten gefragt werde, mit denen ich bei Lukas 14 zusammentreffe und die es wirklich interessiert. Es ist mir wichtig, dass Sie / Ihr bei Feiern, Festen, Stammtischen etc. auf mich zukommt, da ich in einem Raum nicht sehe bzw. bei größeren Menschenansammlungen auch nicht heraushören kann, wer gerade wo steht oder sitzt. Ein kurzes „Hallo Corinna“ reicht dann schon aus, um die Situation für mich zu entschärfen.
Vielen Dank!
Mein empfohlener Link: www.sehbehinderung.de