Kulturtipp September 2017

Karl May (1842-1912)

Carl Friedrich May wurde am 25. Februar 1842 in Ernstthal als fünftes von vierzehn Kindern geboren, von denen neun Kinder die ersten Lebensmonate nicht überlebten. In den ersten fünf Jahren seines Lebens soll Karl May blind gewesen und von dem Gynäkologen Carl Friedrich Haase erfolgreich behandelt worden sein (Karl Mays Mutter hatte bei Haase einen Hebammenkurs absolviert). Der Vater Heinrich August May wollte, dass sein einziger Sohn bessere Chancen bekäme als er und zwang ihn, ganze Bücher abzuschreiben und sich mit wissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Von 1848 bis 1856 besuchte May die Volksschule in Enrstthal. Darüber hinaus erhielt er Unterricht In Klavier, Orgel und Musiktheorie bei dem Kantor Samuel Strauch, bei dem er auch Kompositionsstudien betrieb. Als Zwölfjähriger arbeitete May als Kegeljunge und begegnete in diesem Zusammenhang erstmals Rückkehrern aus den Vereinigten Staaten.

1856 trat May als Proseminarist ins Lehrerseminar in Waldenburg ein, von dem er im Januar 1860 wegen Unterschlagung von sechs Kerzen ausgeschlossen wurde. Über den Gnadenweg konnte er am Lehrerseminar in Plauen seine Ausbildung fortsetzen und im September 1861 mit der Gesamtnote „gut“ abschließen. Nach einer kurzen Tätigkeit als Hilfslehrer in Glachau wechselte er an eine Fabrikschule in Altchemnitz. Bereits zwei Monate später wurde May von seinem Zimmergenossen wegen Diebstahl angezeigt und zu sechs Wochen Haft verurteilt. Als Vorbestrafter wurde er aus der Liste der Lehramtskandidaten gestrichen und war somit arbeitslos.

Trotz seines Versuches, auf legale Weise Geld zu verdienen (er arbeitete als Chorleiter und Musiklehrer in seinem Geburtsort Enstthal), geriet May auf die schiefe Bahn und hielt sich mit Diebstahl, Betrug und Hochstapelei über Wasser. Nachdem er 1864 unter falschen Namen Betrügereien beging (u. A. erwarb er ohne zu bezahlen in Leipzig einen Pelz, den er im Pfandhaus versetzte) wurde er zu vier Jahren Arbeitshaus verurteilt, die er auf Schloss Osterstein bei Zwickau ableistete. Ein bürgerliches Leben zu führen gelang ihm jedoch danach nicht, wieder schlug er sich mit Diebstahl und Betrug durch. 1870 wurde er im böhmischen Niederalgersdorf wegen Landstreicherei verhaftet. Zwischen 1870 und 1874 wurde saß er im Zuchthaus Waldheim ein, wo sich nach eigenen Aussagen wohl auch ein innerer Wandel vollzog. In diesem Zusammenhang betonte May die Bedeutung des dortigen Anstaltskatecheten Johannes Kochta.

Nach seiner Haft kehrte May zu seinen Eltern nach Ernstthal zurück und widmete sich ab 1875 der Schriftstellerei (Die Rose von Ernstthal). Bereits vor seiner Haft hatte May den Dresdner Verleger Heinrich Gotthold Münchmayer kennengelernt, der ihn nur als Zeitungsredakteur in seinem Verlag anstellte. Für verschiedene dort erscheinende Zeitschriften gab er dort Erzählungen in Fortsetzungen heraus. Ab 1878 arbeitete May als freier Schriftsteller und zog mit seiner Freundin Emma Pollmer nach Dresden. 1879 wurde er zu drei Wochen Arrest im Zuchthaus Stollberg verurteilt (Vorwurf der Amtsanma0ung). Im gleichen Jahr erhielt er von der katholischen Wochenzeitung Deutscher Hausschatz das Angebot, seine Geschichten dort zu veröffentlichen, doch auch bei anderen Zeitungen brachte er Veröffentlichungen unter.  Er publizierte seine Beiträge unter den unterschiedlichsten Pseudonymen, auch um sich seine Texte mehrfach honorieren lassen zu können. Ab 1882 kam es zu einer weiteren Zusammenarbeit mit dem Verleger Münchmayer, es entstand der Kolportageroman Das Waldröschen, der erfolgreichste Beitrag in dieser Gattung im Deutschland des 19. Jahrhunderts.

1891 zog May nach einer kurzen Episode in Kötzschenbroda nach Oberlößnitz. Im gleichen Jahr lernte er den Jugendverleger Friedrich Ernst Felsenfeld kennen, der ihn dazu ermunterte, seine Erzählungen in Buchform herauszubringen. Mit Carl May’s gesammelten Reiseromanen (bzw. Karl Mays gesammelte Reiseerzählungen) erlangte May erstmals auch finanziellen Erfolg. In dieser Zeit entstanden auch die berühmten Erzählungen um Old Shatterhand und Winnetou. In der Figur des Old Shatterhand sah Karl May sich selbst und präsentierte seine Erzählungen als eigene Erlebnisse. Er ließ sich sogar entsprechende Kleidung und die in seinen Romanen beschriebenen Waffen (Bärentöter, Henry-Stutzen und Silberbüchse) anfertigen. Die Figur des Old Shatterhand ist auch identisch mit der des Kara Ben Nemsi aus dem Orient-Zyklus. Dieses Annehmen einer anderen Identität verweist auf Karl Mays kriminelle Vergangenheit, in der er dies auch mehrfach tat. Während seiner schriftstellerischen Tätigkeit wurde er mit Plagiatsvorwürfen (Übernahmen aus Erzählungen von Friedrich Gerstäcker) konfrontiert, auch führte er unrechtmäßig einen Doktortitel, was er später aber unterließ.

1896 bezog Karl May die Villa Shatterhand in Radebeul. In den Jahren 1899 und 1900 bereiste er den Orient (und musste erkennen, dass es zwischen seinen Schilderungen und der Realität starke Differenzen gab, was zu zwei Nervenzusammenbrüchen führte), 1908 reiste er mit seiner zweiten Ehefrau zu einem sechswöchigen Aufenthalt in die USA. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich May beim Schreiben verstärkt einem literarischen Ansatz, der auch Weltanschauungsthemen (die drei Fragen der Menschheit: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?) beinhalten sollte, auch war er ein Verfechter des Pazifismus. Am 22. März 1912 hielt er einen entsprechenden Vortrag mit dem Titel Empor ins Reich der Edelmenschen in Wien. Nur eine Woche später, am 30. März 1912, starb Karl May in Radebeul.

Karl May gehört zu den am meisten gelesenen Schriftstellern in deutscher Sprache und auch zu den am meisten übersetzten deutschen Schriftstellern. Die Auflage seiner Bücher beträgt 200 Millionen, davon die Hälfte im deutschsprachigen Raum. Sein erfolgreichstes Buch ist Der Schatz im Silbersee von 1890/1891.

 

Karl May und die Musik

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit besaß Karl May auch auf musikalischem Gebiet Talent. Seine Ausbildung in diesem Bereich lässt sich durchaus als solide bezeichnen; als Kind erhielt er in seiner Heimatgemeinde Unterricht in Orgel, Klavier, Violine und Musiktheorie beim örtlichen Kantor Samuel Friedrich Strauch. May assistierte ihm auch beim Abschreiben und Einrichten von Chornoten und wurde im Gottesdienst als Vorsänger eingesetzt. Im Rahmen seiner Lehrerausbildung erhielt er auch Musikunterricht, was in seinem Abschlusszeugnis vermerkt ist.

Nach seiner Entlassung aus dem Schuldienst wurde er 1863/64 Leiter des Männerchores Lyra in Ernstthal, hier entstanden seine ersten Chorkompositionen. Während seines ersten längeren Haftaufenthaltes in Zwickau wurde er in der Bläserkapelle und im Chor der Gefängniskirche eingesetzt (in dieser Zeit, vermutlich 1867, entstand seine Weihnachtskantate für Männerchor). In den Jahren seines zweiten Haftaufenthaltes in Waldheim wurde er Organist an der Gefängniskirche und begleitete sowohl die evangelischen als auch die katholischen Gottesdienste, was ihn besonders beeindruckte.

Auch während seiner Zeit als Schriftsteller blieb er der Musik treu, so ist überliefert, dass er mit seinem Verleger Münchmeyer gemeinsam musizierte. 1895 schrieb er im Rahmen der Arbeit an den Winnetou-Büchern seine berühmteste Komposition Es will das Licht des Tages scheiden – Ave Maria, zu dem er Text und Musik schrieb. May schrieb es in zwei Fassungen, einmal für Männerchor, einmal für gemischten Chor. Seine Bekanntheit verdankt das Lied jedoch seinem Auftauchen in der Sterbeszene Winnetous (Winnetou III). Der sterbende Häuptling wünscht sich, dass ihm dieses Lied, dass er bei deutschen Siedlern kennengelernt hat, noch einmal vorgesungen wird. Auch heute noch gehört dieses Lied zum Repertoire vieler Chöre. Darüber hinaus lieferte May auch Beiträge zur Hausmusik, etwa die musikalische Posse Die Pantoffelmühle. Hinzu kommen zahlreiche Schilderungen vom Musik in Karl Mays Erzählungen.

Karl Mays musikalisches Schaffen ist durchweg der Gebrauchsmusik zuzurechnen. Hier befindet er sich allerdings auf der Höhe seiner Zeit. Wenngleich die Texte und die Musik heute allzu romantisch und verkitscht wirken mögen, trafen sie jedoch den Nerv des 19. Jahrhunderts. Die Chorlieder sind durchaus mit denen von Friedrich Silcher vergleichbar. Wenngleich bereits in den 1920er Jahren Karl May als Musiker wiederentdeckt wurde, bildete erst die Veröffentlichung der Schallplatte Ernste Klänge, die 1972 zum 60. Todestag des Schriftstellers erschien einen Durchbruch. Durch sie wurde das Ave Maria einer breiteren Öffentlichkeit bekannt und bald schon von berühmten Chören wie dem Dresdner Kreuzchor oder der Gächinger Kantorei aufgeführt. 

 

Text: Lutz Riehl


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