Kulturtipp März 2017

Hinduismus

(C. Kupczak)

Der Hinduismus ist die älteste Religion der Menschheit, mehr als 4 000 Jahre alt. Im Hinduismus gibt es keinen Gründer, keine Dogmen / Glaubensgrundsätze, keine Lehrautorität (Bischöfe, Papst, Mullahs, Rabbis usw.), kein zentraler heiliger Ort. Das Wort „Hindu“ ist persisch und bedeutet: Inder.

Gott wird im Hinduismus sowohl nicht-personal (als Weltseele) aber auch personal gesehen in den Hindugöttern Brahma, Vishnu und Shiwa, diese werden aber nicht als Einzelgötter verstanden, sondern als verschiedene „Gesichter“ Gottes, auch gibt es andere Götter und Göttinnen. Im Hindu-Glauben kann Gott auch Menschengestalt annehmen (Krishna), bleibt aber Gott in Menschengestalt. Der Unterschied zum christlichen Glauben ist, dass Jesus als Gott UND Mensch in einer Person geglaubt wird.

Der Volkshinduismus verehrt die Gottesgestalten wie eigene Götter, betet und opfert zu ihnen. Der Hoch-Hinduismus, die Brahmanen, Gelehrten, Yogis sehen in Gott die große Weltseele BRAHMAN, den Urgrund des Seins, jeder Mensch verkörpert aber in ATMAN einen kleinen Teil der Weltseele.
Prägend ist im Hinduismus die Lehre von den „Kasten“ oder wie die Hindu sagen, dem Varna (den „Farben“). Es gibt 4 Hauptkasten, die heute in 3000 Unterkasten aufgespalten sind :
1. Priester / Brahmanen
2. Adelige / Krieger
3. Bauern und Kaufleute
4. Leibeigene / Diener
und die „Unberührbaren“, die Parias, die keiner Kaste angehören. Jeder Mensch wird in eine Kaste hineingeboren und verbringt sein ganzes Leben mit anderen Kastenangehörigen. Die Geburt ist für das soziale Schicksal entscheidend. Es ist nicht möglich, eine Kaste zu wechseln, damit verunreinigt sich der Einzelne, er soll seinen Platz mit allen Geboten und Verboten innerhalb seiner Kaste ausfüllen. (Dharma=Pflicht)
Die Kastenlosen sind aus der Gesellschaft ausgeschlossen, jede Berührung mit ihnen macht Kastenangehörige unrein. Die indische Verfassung hat offiziell die Kastenordnung abgeschafft, trotzdem ist sie als Tradition weiterhin aktuell und sozial real.
Wie das Kastenwesen entstanden ist, ist heute nicht mehr genau zu ergründen. Vor 6000 Jahren gab es im Industal, in Nordwest-Indien (heute Pakistan) eine hochstehende Kultur mit den Städten Harappa und Mohenjo Darjo. Leider ist bis heute ihre Schrift noch nicht übersetzt und wir wissen nicht, welche Glaubensvorstellungen diese Kultur hatte. Dann kamen Einwanderer, die Indoarier, und vermischten sich mit dieser Bevölkerung, verdrängten sie weiter nach Süd-Indien. Die Arier waren größer und hellhäutig, sie übernahmen die bestehende Kultur, prägten aber Sprache und Religion in Nordindien und verfassten die ersten heiligen Schriften des Hinduismus: Die Veden (= Wissen). Aus dem jahrhundertelangen Vermischen und Auseinandersetzen dieser beiden Kulturen entstand der Hinduismus in seiner Vielgestaltigkeit. Die ersten Hindugötter und die Lehre von Brahman und Atman, ebenso die Lehre der Seelenwanderung bildeten sich.
Ca. 1000 v. Chr sind die Kasten nachweisbar.

Die SEELENWANDERUNG (samsara) wird auf zyklische Veränderungen in der Natur zurückgeführt, jedoch nicht auf Jahreszeiten. Diese sind im tropischen Indien nicht stark ausgeprägt, sondern auf die Mondphasen.
So wie der Mond langsam wächst und nach dem Vollmond wieder vergeht, so sah man auch das menschliche Leben in einem ständigen Wandel und Wiederkehr, abhängig von seinen guten und bösen Taten. Ein gutes Leben, in welchem der Mensch seine Pflichten (dharma) in seiner Kaste erfüllt hat, ermöglicht ihm eine Wiedergeburt auf höherer Stufe, bei schlechten Taten wird der Mensch in einer niedrigen Stufe, auch als Tier, wieder geboren, er gestaltet demnach selbst sein Schicksal. Der Hindu strebt aber nicht die Wiedergeburt an, sondern möchte in die Erlösung (Moksha) eingehen, nicht mehr auf diese Erde zurückkommen. Das Leben hier wird vielfach als Leidensweg angesehen (Ähnlich dachten die Menschen im christlichen Mittelalter, sie sahen die Erde als „Jammertal“ an und strebten nach dem Jenseits, nach einer Erlösung bei Gott.). Eine Feuerbestattung ist im Hinduismus üblich, denn der Körper war nur eine Hülle, der vergeht und bei der nächsten Reinkartnation erhält die Seele einen neuen Körper.
Der Glaube an die Seelenwanderung hat heute auch bei westlichen Menschen viele Anhänger (z.B. Anthroposophen), vermischt sich mit christlichem Denken. Allerdings hoffen diese Menschen auf eine neue Chance, ein besseres Leben und nicht wie die Hindu auf eine Erlösung aus dem Kreislauf der Geburten.
Die monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum, Islam) sind linear (wie ein Zeitpfeil) ausgerichtet, man glaubt an Anfang und an Ende sowohl des persönlichen Lebens wie auch dieser Erde. Es gibt ein Weltende und Weltgericht.
Anders in den asiatischen Religionen (Hinduismus, Buddhismus, Jainismus): Hier wird an eine Wiedergeburt geglaubt, bis die Seele (Atman) in einem langen Reinigungsprozess durch die Geburten in die Erlösung eingehen kann. Der Hinduismus hat somit das Phänomen des Leidens erklärt, denn ein Mensch mit Krankheiten, Leiden, in einer niedrigen Kaste oder als Kastenloser muss seine schlechten Taten (Karma) aus vorigen Leben abarbeiten und ist deshalb selbstverantwortlich.
Die KUH / Rind ist im Hinduismus ein heiliges Tier, weil sie Sinnbild des Lebens ist (ernährt den Menschen und ist auch ein Symbol der Mütterlichkeit). Da es im Hinduglauben möglich ist auch als Tier wiedergeboren zu werden und da Tiere als ebensolche Lebewesen wie die Menschen angesehen werden, gilt eine vegetarische Ernährung. Fleischgenuss ist selten, in hohen Kasten nicht erlaubt, ebenso alle Rauschgetränke (Alkohol).

Der Hinduismus hat sich durch die Jahrtausende weiterentwickelt. Es gibt viele heilige Schriften, die in Sanskrit geschrieben sind (Upanischaden, Baghavadgita, Rigweda) und von den Brahmanen und Yogis ausgelegt/erklärt werden.

YOGA ist eine Meditationstechnik, in welcher Körper, Atem und Konzentration in eine Harmonie und in die Ausrichtung auf Gott gebracht werden. Im Christentum wird dies durch die Mystik praktiziert. Yoga wird heute von vielen Menschen auch im Westen eingesetzt, allerdings mehr unter dem Aspekt der Gesundheit.

Aus dem Hinduismus entstanden als Reformbewegungen der Buddhismus und Jainismus.
Die Sikh-Religion ist eine Glaubensrichtung, die Hinduismus und Islam als Grundlage hat. Die Sikh leben in Nordindien, im Panjab.

Im 19. Jahrhundert entstand der Neo-Hinduismus. Seine Reformer setzten sich auch mit anderen Religionen auseinander (Ramakrishna, Vivekananda, Tagore) und beeinflussten die Menschen im Westen.

Der bekannteste Hindu im Westen ist MAHATMA GANDHI, Rechtsanwalt, Politiker und Religionsführer, der Indien 1948 in die Unabhängigkeit geführt hat. Gandhi lebte lange in Südafrika, studierte in London und kannte gut die Evangelien. Besonders beeindruckte ihn die Bergpredigt von Jesus (Matth. 5). Gandhi hielt am Kastensystem fest, war aber strikt gegen den Ausschluss der Kastenlosen. Es sollte in seiner Gesellschaft keine ausgeschlossenen Menschen geben, er nannte sie „Kinder Gottes“: Er nahm Kastenlose in seinen Ashram auf und verstieß dabei gegen viele religiöse Regeln, was ihm Feinde einbrachte. Von einem fanatischen Hindu wurde er ermordet. Gandhi plädierte für eine strikte GEWALTLOSIGEIT, mit welcher er auch den politischen Kampf um die Unabhängigkeit gewann. Viele seiner Worte bewegen uns noch heute und er gilt in allen Religionen als Mahatma (= „große Seele“). Gandhi konnte sehr einprägsam für alle Menschen seinen Glauben darstellen. Bekannt sind die „7 sozialen Sünden“, die leider in unserer Zeit sehr aktuell geworden sind. Hier müsste man statt „ohne“ das Wort „mit“ einsetzen.

Politik ohne Prinzipien
Reichtum ohne Arbeit
Genuss ohne Gewissen
Wissen ohne Charakter
Geschäft ohne Moral
Wissenschaft ohne Menschlichkeit
Religion ohne Tat

Als man ihm die Erklärung der Menschenrechte vorlegte, sagte Gandhi:

„Der Ganges der Rechte entspringt im Himalaya der Pflichten!“

Sein Leben, seine Worte haben den Hinduismus in alle Welt getragen und für viele Nicht-Hindus verständlich gemacht.

 

Quellen:

Der Hinduismus, Stephan Schlensog, Piper
Der Hinduismus, R.C. Zaehner, Goldmann
Weltreligionen: Hinduismus, D. Fassnacht, E. Bickelmann, Diesterweg/Kösel


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