Kulturtipp Juni 2017

Die deutsche Nationalhymne

 

Die musikalischen Ursprünge – Joseph Haydns Kaiserhymne

Die Ursprünge der deutschen Nationalhymne sindliegen genaugenommen im England des 18. Jahrhunderts. Dort wurde 1745 erstmals öffentlich die spätere Königshymne des Landes „God save the King“ (heute „God save the Queen“) gesungen. Der Ursprung der Melodie ist unbekannt(als Quelle werden u. A. genannt: ein Schweizer-Militärmarsch, aber auch die Komponisten John Bull (1562/63-1628) und Jean Baptiste Lully (1632.1687)), der Text wird Henry Carey (1687-1743) zugeschrieben.

Während seiner London-Aufenthalte 1791/92 und 1794/95 lernte auch Joseph Haydn (1732-1809) die Königshymne kennen und vertonte dadurch angeregt 1797 einen Text des Theologieprofessors Lorenz Leopold Haschka (1749-1827). Dieser Text „Gott erhalte Franz den Kaiser“ entstand 1796 angesichts der vorrückenden Truppen Napoleons, Haschka wollte ein Gegengewicht zur kämpferischen „Marseilleise“ schaffen.

Die von Haydn geschaffene Melodie greift ihrerseits auf Vorbilder zurück. So sollen etwa Anklänge an das Salzburger Kirchenlied „Christen, singt mit frohem Herzen“ zu erkennen sein. Große Ähnlichkeit besteht auch mit dem kroatischen Liebeslied „Jutro rano se la stanem“, wenngleich es nicht erwiesen ist, dass Haydn dieses Lied kannte, so ist dies sowohl geografisch als auch musikalisch durchaus wahrscheinlich. Auch das Alleluja aus dem Exultate jubilate KV 165 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), den Hayden gut kannte und schätzte, könnte für die Schlusszeile der Hymne Pate gestanden haben. Der Text der Hymne wurde mehrfach verändert, nach dem Tod von Kaiser Franz lauteten die ersten Textzeilen „Gott erhalte, Gott beschütze unsern Kaiser, unser Land…“ Bis zur Auflösung der Monarchie 1918 hatte diese Hymne bestand. Haydn selbst mochte die Melodie so sehr, dass er sie noch im Entstehungsjahr 1797 in seinem Streichquartett op. 76/3 in C-Dur als Thema des Variationssatzes (Nr. 2) verwendete. Dies brachte dem Stück den Beinamen Kaiserquartett ein.

 

 

Das Lied der Deutschen

Als der Breslauer Germanistikprofessor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) am 26. August 1841 auf der (damals noch zu England gehörenden) Insel Helgoland „Das Lied der Deutschen“ verfasste, hatte er schon längst seine politisch liberale Haltung etabliert. Dies lassen seine Unpolitischen Lieder (1840/41) erkennen. Mit der durch die Restauration angestrebte Wiederherstellung der politischen Verhältnisse der vornapoleonischen Zeit war er alles andere als zufrieden, was vor allem bei der jüngeren Generation auf Widerhall stieß. Der im Lied beschriebene Wunsch nach einem einigen Deutschland (1. und 3. Strophe) speist sich aus der Unzufriedenheit mit der deutschen Kleinstaaterei – 35 Kleinstaaten und vier freie Städte. Offenbar hatte Hoffmann von Fallersleben von Anfang an die Absicht, diesen Text unter die Melodie der Haydn’schen Kaiserhymne zu legen, denn sein Verleger Campe in Hamburg brachte Hoffmanns Text gemeinsam mit Haydns Melodie noch im selben Jahrheraus. Andere Liedermacher vertonten zwar Hoffmanns Text (über 50mal), doch einzig mit der Melodie Haydns setzte es sich durch.

 

Der Weg zu einer deutschen Hymne

Doch das „Lied der Deutschen war zunächst, wie andere Gedichte und Lieder auch als Reaktion auf die „Rheinkrise“ von 1840/41 zu verstehen. 1795 hatten die französischen Truppen die „linksrheinischen“ Gebiete erobert, der Rhein sollte als natürliche Grenze zwischen Deutschland und Frankreich angesehen werden. Im Rahmen des Wiener Kongresses war dieses Gebiet von 32 000 qkm 1814 wieder dem Deutschen Bund zugeschlagen worden, doch unter Adolphe Thiers richtete sich 1839-41 das Interesse wieder auf den Rhein. Zwar wurde durch die Ablösung der Regierung Thiers die Krise beigelegt, doch auf beiden Seiten kam es zu nationalistischen Strömungen, die sich in Liedern und Gedichten manifestierten. Neben dem „Lied der Deutschen“ ist hier vor allem „Die Wacht am Rhein“ zu erwähnen. Den Text verfasste Max Schneckenburger (1819-1849) im Jahr 1841, die Melodie stammt von Carl Wilhelm (1815-1873) und entstand im März 1854. Neben der Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ (auf die Melodie von „God save the King“) wurde „Die Wacht am Rhein“ bei der Proklamation des Deutschen Reiches 1871 als inoffizielle Hymne gesungen.

Als Helgoland 1890 zu deutschem Gebiet wurde, geriet das „Lied der Deutschen“ wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. Fünfundzwanzig Jahre später, während des Ersten Weltkrieges, wurde es zu einem „Kriegslied“, das von deutschen Soldaten in Schlachten gesungen wurde. Nach der Ablösung der Monarchie durch die Weimarer Republik 1918 dauerte es allerdings noch bis zum 11. August 1922, dass Reichskanzler Friedrich Ebert das „Lieder der Deutschen“ als Nationalhymne proklamierte. Nach der Machtübernahme Adolf Hittlers 1933 blieb die Hymne zwar erhalten, es erging jedoch die Anordnung, dass im Anschluss immer das Parteilied „Die Fahne hoch“ (1927) von Horst Wessel (1907-1930) zu erklingen habe. Wessel, der 1930 als Sturmführern von Mitgliedern der KPD getötet wurde, galt unter den Nationalsozialisten als eine Art Märtyrer.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 wurde ein großer Teil der  nationalistisch geprägten Lieder von den Alliierten verboten, darunter auch das Deutschlandlied. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 kam wieder die Frage nach einer Hymne auf. Da die Findung einer Hymne nicht durch das Grundgesetzt geregelt war (und auch noch ist), sollte dem Bundespräsidenten diese Aufgabe zufallen. Theodor Heuss wünschte sich jedoch eine moderne, von der Geschichte unbelastete Hymne und sprach sich gegen das Deutschlandlied aus. Als Interimshymne fungierte vorerst das Volkslied „Ich hab mich ergeben.“.

 

Zwei Länder – zwei Hymnen

1950 beauftragte Heuss den Schriftsteller Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) mit dem Verfassen eines Textes für eine neue Hymne, dieser wurde dann von Herrmann Reutter (1900-1985) als „Hymne an Deutschland“ vertont. Bundeskanzler Konrad Adenauer sprach sich hingegen von Beginn an für das „Lied der Deutschen“ als Nationalhymne aus. Bei seinem ersten Besuch als Kanzler in Berlin ließ er am Ende der Veranstaltung die Anwesenden die dritte Strophe des Liedes singen, was bei den anwesenden Vertretern der Alleierten und Vertretern der SPD für heftige Kritik sorgte. Nach langem Drängen Adenauers gab Heuss im April 1952 nach, das gesamte „Lied der Deutschen“ wurde nun Nationalhymne, öffentlich gesungen werden sollte allerdings nur die dritte Strophe.

In der DDR beauftragte Staatspräsident Wilhelm Piek am 10 Oktober 1949 den Schriftsteller Johannes Robert Becher (1891-1958) mit dem Text für eine Hymne, für die zwei Komponisten einen Entwurf liefern sollten. Derjenige von Hanns Eisler (1898-1962) setzte sich schließlich durch. Als sich 23 Jahre später die politische Lage in der DDR änderte und man kein geeintes Deutschland sondern eine Zwei-Staaten-Lösung anstrebte, erschien Bechers Text mit der Zeile „Deutschland einig Vaterland“ nicht mehr passend. Fortan wurde die Hymne nur noch instrumental gespielt.

 

Vom Wunsch zur Wirklichkeit – die Hymne des geeinten Deutschlands

Nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Deutschlands wurde im August 1991 die gemeinsame Nationalhymne thematisiert, doch im Gegensatz zu Heuss und Adenauer waren sich Richard von Weizäcker und Helmuth Kohl in dieser Frage einig. Der Wunsch nach „Einigkeit und Recht und Freiheit“ sein durch die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 deutlich zum Ausdruck gekommen. Seit diesem Briefwechsel vom 19./. 23. August 1991 ist die dritte Strophe des Deutschlandliedes die Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland.

 

Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand
Blüh‘ im Glanze dieses Glückes
Blühe deutsches Vaterland!
Blüh‘ im Glanze dieses Glückes
Blühe deutsches Vaterland!

Text: © Lutz Riehl


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