Kulturtipp Februar 2017

Kulturtipp von Christina Kupczak

 

Herbsteiner Foaselt

 

Hessen gilt nun nicht gerade als Karnevalshochburg, aber es gibt Ausnahmen, z.B. einige katholische Dörfer im Marburger Land und HERBSTEIN, das Städtchen im Hohen Vogelsberg.

Herbstein, malerisch gelegen auf einem ehemaligen Vulkanschlot des Vogelsbergs, noch mit Teilen der mittelalterlichen Stadtmauer, viel Fachwerk und einer sehenswerten gotischen Kirche, pflegt eine jahrhundertealte Fastnachtstradition, im Dialekt „Foaselt“ genannt. Im katholischen Ort hat sich der Brauch durch die Jahrhunderte erhalten, während das evangelisch geprägte Umland fastnachtsabstinent ist.

Alljährlich am Rosenmontag bewegt sich eine kuriose Gruppe durch den Ort: Der Springerzug mit Bajazz, gefolgt von Siebpferdchen, Erbsenstrohbär, Storch und Hebamme. Unverkennbar erinnern die Kostüme aus dem Springerzug an Tiroler Trachten, Männer- wie Frauenkleider, die auch von Männern getragen werden. Nach einer bestimmten Melodie hüpfen und springen die 6 Pärchen in einer jahrhundertealten Choreografie , dazu tragen sie weisse, aufgespannte Regenschirme. Auch der Bajazz, eine Figur mit Krone und Schellenbaum springt mit.

Worauf geht diese Tradition zurück? Nach dem 30-jährigen Krieg war die Stadtmauer so zerstört, dass man Tiroler Steinmetze holte, die Ausbesserungsarbeiten durchführten. Ein langer und kalter Winter verhinderte die Rückreise der Gastarbeiter und so brachten sie ihre heimatliche, Tiroler Fastnachtstradition in den Vogelsberg und begründeten diese spezielle „Foaselt“. 40 Jahre lebten die Tiroler Steinmetze und Handwerker in dem Städtchen, einige blieben und bauten die Tradition aus. Vergleiche mit dem Fastnachtszug in Axams/ Tirol, belegen den Ursprung  dieses Brauchtums.

Auch erhalten gebliebene Rechnungen aus dem 17. Jahrhundert beweisen, dass die Steinmetze aus Tirol kamen.

Zur Ausstattung des Herbsteiner Springerzugs gehören weiter die bunten Fastnachtsrosen aus Seidenpapier. Diese schmücken die Schuhspitzen des Bajazz und seiner Pärchen, auch findet man sie am Bajazzstab wieder. Alljährlich werden die Fastnachtsrosen in mühevoller Handarbeit hergestellt.

Wer Bajazz werden will, muss nicht nur sportlich sein, sondern er muss auch Geld investieren, denn  der Titel und die Krone werden ersteigert. Nach der Versteigerung beginnt die närrische Amtszeit für den Bajazz mit seinem Gefolge. Sie sind auch in sozialen Einrichtungen ( Kindergärten. Seniorenwohnheime, Werkstätten für Behinderte ) unterwegs. Dabei ändert sich die Begrüßung und es müssen diverse Büttenreden geschrieben und gehalten werden. Kondition ist verlangt, bei der kräfteraubenden Springerei, also ein monatelanges Training muss vorgelagert werden. Höhepunkt ist dann der Rosenmontagszug. Abschluss ein Ball am Fastnachtdienstag im Vereinsheim.

Auch außerhalb der Fastnachtszeit hat der gekürte Bajazz Repräsentationspflichten ( Hessentag, Steuben-Parade, Besuch im Bundeskanzleramt ) und macht so die kleine Stadt im Vogelsberg bekannt.

Einmalig ist der Erbsenstrohbär, in einem aufwändigen Kostüm aus Erbenstroh, er ist eine Traditionsfigur im Rosenmontagszug und wird von einem Bärenführer geführt. Beide sind total maskiert und sollen nicht erkannt werden. Wo die Ursprünge dieser Traditionsfigur liegen, ist unbekannt, vermutlich ist es eine  Winter- Austreibungsfigur. Auf seinem Rundgang durch die Dörfer werden Eier und Speck, auch Geld gesammelt.

Das Siebpferdchen gehört wie der Storch und der Bär zu den wichtigsten und ältesten Figuren der Herbsteiner Foaselt. Vermutlich sind diese Figuren älter als der Springerzug und Bajazz.

Wer mehr über diesen originellen Brauch erfahren will, dem sei das Herbsteiner Heimat- und STATTmuseum, Obergasse 5 empfohlen.

 


Kommentare sind geschlossen.

    lukas14.de Webutation