Kulturtipp August 2017

Wacken Open Air

Mein zweites Wacken Open Air und da war sie endlich, die versprochene Schlammschlacht. Vor drei Jahren war es heiß und staubig und beim Nase putzen hatte man immer das Gefühl, dass der ganze Platz mit rauskommt. Aber man blieb zumindest trocken. Das war dieses Jahr ganz anders: spätestens nach dem ersten heftigen Regenguss verwandelte sich das Areal in eine fast durchgängige Schlammwüste. Bisweilen steckte man bis zu den Knöcheln, oftmals auch tiefer in brauner, dickflüssiger Suppe. Und wenn dann noch jemand direkt neben einem freudestrahlend und in hohem Bogen in die Matschpfütze springt, sieht man auch obenrum so aus, als wäre man in Wacken angekommen.

Das Wacken Open Air – oder kurz W:O:A – ist eines der größten Heavy Metal-Musikfestivals der Welt. Aus einer Bierlaune heraus geboren fand es 1990 das erste Mal statt, vor gerade mal rund 800 Zuschauern. Inzwischen sind wir im 28. Jahr angekommen und das Festival zieht jährlich 75.000 Zuschauer aus aller Welt an. Ich selbst bin eigentlich gar kein großer Heavy Metal-Fan, aber vor drei Jahren dachte ich, dass man generell als Musik-Fan mal da gewesen sein muss. Es gibt acht verschiedene Bühnen auf dem weitläufigen Gelände, und man findet eigentlich fast immer eine Band oder einen Künstler, die einem gerade gefallen. Neben Heavy Metal werden nämlich noch viele andere Stilarten des Rock angeboten wie Hardrock, Alternative Rock, Irish Rock und Mittelalter-Rock.

Wacken hat nur knapp 1800 Einwohner, und das ganze Dorf ist dabei und freut sich, wenn sich die ländliche Idylle einmal im Jahr in das Mekka der Heavy Metal-Gemeinde verwandelt. Sie machen es sich vor ihren Häusern in Liegestühlen bequem und winken den ankommenden Metal-Fans in ihren Autos zu. Manche verkaufen Kaffee und Brötchen, andere bieten gegen ein kleines Entgelt ihre Duschen an. In der Dorfkirche findet seit einigen Jahren die „Metal Church“ statt, ein Gottesdienst mit akustischen Metal-Songs, der immer sehr gut besucht ist. Und es gibt Shuttle-Busse vom Festival-Gelände zum Supermarkt und zum Schwimmbad.

Eröffnet wird das Festival jedes Jahr von Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Wacken, die als Wacken Firefighters etliche Klassiker des Rock zum Besten geben. Der Schlachtruf „Wacken Wacken Feuerwehr“ schallt dann quer über das Gelände. Obwohl das Festival offiziell von Donnerstag bis Samstag geht, spielen Mittwoch abends schon erste Bands für die angereisten Metalheads. Dieses Mal unter anderem die noch aus den 90ern bekannten Ugly Kid Joe und die noch etwas älteren Recken von den Boomtown Rats rund um Bob Geldof. Ein gutes Beispiel dafür, dass auch Nicht-Heavy-Metal-Fans immer mal wieder bedient werden. Und dass es sich lohnt, frühzeitig anzureisen! Sehr gut gefallen haben mir dieses Jahr außerdem Alice Cooper, Trivium, weitere 90er Bands wie Clawfinger und Dog Eat Dog sowie Status Quo, die gefühlt keinen ihrer vielen Hits ausgelassen haben. Dann habe ich endlich mal die Frankfurter Thrash-Metal-Urgesteine von Tankard erlebt. Nicht ganz meine Musik, aber da musste ich als alter Frankfurter mal für ein paar Songs durch. Meine persönliche Neuentdeckung waren The Hirsch Effekt aus Hannover, denn Hardcore mit deutschen Texten hört man nicht ganz so häufig. Und Mambo Kurt darf natürlich auch in keinem Jahr fehlen, der auf seiner Heimorgel Rock-, Pop- und Dance-Klassiker interpretiert und dem Publikum immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Das Wacken Open Air ist ein Musikfestival für alle Generationen. Einige Besucher kommen als Familie und bringen ihre Kinder mit, andere sind schon seit den Anfängen dabei. Vor drei Jahren wurden sogar mal interessierte Seniorengruppen über das Gelände geführt, um zu sehen, was die jungen Leute da so treiben. Zudem ist es ein sehr inklusives Event: es gibt einen behindertengerechten Zeltplatz „Wheels of Steel“ inklusive einer Service-Station für Rollstuhlfahrer, entsprechend zugängliche Duschen und Toiletten, Podeste vor den großen Bühnen im Infield und vor den zwei Zeltbühnen. Über die Organisation „Inklusion Muss Laut Sein“ können gratis Begleitpersonen gebucht werden, die Menschen mit Behinderungen auf dem Festival zur Seite stehen. Das war in der Schlammwüste dieses Jahr besonders wichtig, da wurden die Rollis teilweise gleichzeitig von hinten geschoben und von vorne gezogen.

Wacken ist auch ein sehr friedliches Festival. Laut Polizei gab es dieses Jahr gerade mal 175 Straftaten, die meisten davon Diebstähle. Die Anzahl der Körperverletzungen lag bei zwölf, was bei 75.000 Besuchern ebenfalls zu vernachlässigen ist. Und es gab eine kuriose Begebenheit: in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hat sich tatsächlich ein Besucher über zu laute Musik seiner Nachbarn auf dem Campingplatz beschwert. Die herbeigerufenen Polizeibeamten rieten ihm zur Verwendung von Ohrstöpseln… 🙂

 

 

Text und Fotos: Thomas Walz


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