Kulturtipp Dezember 2011

Erstellt von Lutz Riehl

Magnificat

Das Magnificat gehört zu den bekanntesten Texten des Christentums. Der Name rührt vom lateinischen Beginn dieses Textes „magnificat anima mea Dominum (zu Deutsch Meine Seele preist die Größe des Herrn). Es handelt sich um das Loblied Mariens, dass diese nach dem Besuch bei ihrer Base Elisabeth in Hinblick auf deren prophetische Worte anstimmt (Lk 1,46-55). Es gehört neben dem Benedictus – Lobgesang des Zacharias (Lk 1,68-79) und dem Nunc dimitis – Gesang des Simon im Tempel (Lk 2,29-32) zu den drei Cantica des Lukasevangeliums, die sich inhaltlich alle um das Weihnachtsereignis gruppieren. Der Text in lateinischer und deutscher Sprache lautet:

 

 

 

Latein Deutsch
Magnificat anima mea Dominum,
et exsultavit spiritus meus in Deosalvatore meo.
Quia respexit humilitatemancillae suae.
Ecce enim ex hoc beatam me dicent omnes generationes.
Quia fecit mihi magna, qui potens est,
et sanctum nomen eius.
Et misericordia eius in progenies et progenies timentibus eum.
Fecit potentiam in brachio suo,dispersit superbos mente cordis sui.Deposuit potentes de sede
et exaltavit humiles.
Esurientes implevit boniset divites dimisit inanes.
Suscepit Israel puerum suum,
recordatus misercordiae.
Sicut locutus est ad patres nostros,
Abraham et semini eius in saecula.
Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott,meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,
und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht
über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.
Er stürzt die Mächtigen vom Thron
und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an
und denkt an sein Erbarmen,
das er unseren Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

In seinem Aufbau erinnert das Magnificat erkennbar an die alttestamentlichen Psalmen, auch Anlehnungen an das Danklied der Hannah aus dem 1. Buch Samuel (1. Sam 2,1-11) sind möglich, weshalb ein Vergleich beider Texte durchaus lohnt.

 

Danklied der Hanna

1 Und Hanna betete und sprach: Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.

2 Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

3 Lasst euer großes Rühmen und Trotzen, freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; denn der HERR ist ein Gott, der es merkt, und von ihm werden Taten gewogen.

4 Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.

5 Die da satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, hungert nicht mehr. Die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin.

6 Der HERR tötet und macht lebendig, führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

7 Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht.

8 Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub und erhöht den Armen aus der Asche, dass er ihn setze unter die Fürsten und den Thron der Ehre erben lasse. Denn der Welt Grundfesten sind des HERRN, und er hat die Erde darauf gesetzt.

9 Er wird behüten die Füße seiner Heiligen, aber die Gottlosen sollen zunichte werden in Finsternis; denn viel Macht hilft doch niemand.

10 Die mit dem HERRN hadern, sollen zugrunde gehen. Der Höchste im Himmel wird sie zerschmettern, der HERR wird richten der Welt Enden. Er wird Macht geben seinem Könige und erhöhen das Haupt seines Gesalbten.

11 Und Elkana ging heim nach Rama in sein Haus; der Knabe aber war des HERRN Diener vor dem Priester Eli.

Auch die Situation, in der dieses Gebet erklingt ist der des Magnificat sehr ähnlich. Hanna, die Mutter Samuels, betet es als sie ihren Sohn, wie sie es versprochen hat, dem Tempel in Schilo übergibt. Beide Texte stammen somit von Müttern, deren –Söhne zu Höherem berufen sind, wofür sie Gott lobpreisen. Auch textlich lassen sich Ähnlichkeiten feststellen, etwa die Heiligung des Namens des Herren, oder die Erhöhung der Armen mit dem Sturz der Reichen.

 

Interpretation

Gerade die Vertreter der dialektischen Theologie stellten den schroffen Gehalt dieses neutestamentlichen Psalmes immer wieder fest: Karl Barth legte das Magnificat während der Adventszeit 1962 in der Strafanstalt Basel im Rahmen eines Gefängnisgottesdienstes aus und meinte zusammenfassend: In ein Haus, in welchem die Mühseligen und Beladenen, die Armen und Elenden, die wirklich Hungrigen wohnen – und also in ein Haus wie das, in dem wir uns gerade befinden – passt so recht das Weihnachtsfest. Nur in ein solches Haus! Aber in ein solches ganz sicher!

Dietrich Bonhoeffer schreibt über das Magnificat: Dieses Lied der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche, hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht … ein hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der Menschen Ohnmacht.

Helmut Gollwitzer überschrieb eine Predigt über das Magnificat mit den Worten: Gott ist der Revolutionär und stellte dann fest: Gott wirbelt immer wieder alles durcheinander, und das Wechselspiel der Geschichte, das wir zu allen Zeiten beobachten, ist sein Werk.

In der feministischen Theologie und in der Befreiungstheologie spielt das Magnificat ebenfalls eine große Rolle: Wilhelm Fuhrmann stellt fest, dass der Rahmen des Magnificats „eine Geschichte von zwei Frauen – ohne Mann“ darstellt [9]. Fuhrmann interpretiert das Lied der Maria befreiungstheologisch als ein Revolutionslied, das auf die totale Veränderung der Zustände und Verhältnisse zielt: Den Armen und Ohnmächtigen soll geholfen werden, und zwar auf Kosten der Reichen und Mächtigen. Wilhelm Fuhrmann findet es beachtlich, dass dieses Weltrevolutionslied von Lukas einer Frau in den Mund gelegt wird. Maria erlebt durch die Geburt Jesu ihre Ent-Niedrigung.

Dorothee Sölle spinnt den Gedanken der Befreiung von Frauen ebenfalls weiter: Mein Geist wird aus der Verängstigung herauskommen. Die leeren Gesichter der Frauen werden mit Leben erfüllt und wir werden Menschen werden. … Die Herrschaft der Männlichen über die Weibchen wird ein Ende nehmen und aus Objekten werden Subjekte werden.

 

 Liturgischer Ort

Das Magnificat entwickelte sich zu einem festen Bestandteil des Stundengebetes. Während es in der Ostkirche vor allem im Morgenlob (Laudes) einen festen Platz besitzt (z. B. im Othros der byzantinischen Kirche). In der römischen Liturgie hat das Magnificat in der Vesper einen festen Platz, wofür sich in der Benediktinerregel ein früher Beleg findet: in Laudes und Vesper sind Cantica aus dem Neuen Testament vorgesehen, die sich inhaltlich mit Lob und Dank für die Erlösung auseinandersetzen sollen.

Innerhalb des Kirchenjahres tritt das Magnificat zum einen am Fest Maria Heimsuchung (2. Juli) in Erscheinung. Darüber hinaus gehört es zu jenen zentralen Texten, die auf das Weihnachtsereignis hinführen, weshalb es auch einen festen Platz in der Adventszeit besitzt. Zu spüren ist dies in den Vertonungen von Johann Sebastian Bach und John Rutter, die in ihren Kompositionen des Magnificat auch Weihnachtslieder verarbeitet haben.

 

 Kirchenmusik

Die zentrale Stellung des Magnificat in Theologie und Liturgie beförderte auch eine ausführliche musikalische Beschäftigung mit diesem Text, die in der Variante des Gregorianischen Chorales noch heute intensiv gepflegt wird. Die erste mehrstimmige Vertonung kann für das 14. Jahrhundert nachgewiesen werden, von da an beschäftigen sich nahezu alle namhaften Komponisten von Kirchenmusik mit diesem Text. Zu den berühmtesten Vertonungen des Magnificat zählt die Version von Johann Sebastian Bach, die dieser für das Fest Maria Heimsuchung im Jahr 1723 aufführte, im gleichen Jahr wurde das Werk auch am ersten Weihnachtstag gespielt, für diesen Anlass fügte Bach Einschübe mit Weihnachtsliedbearbeitungen ein.

Vielfach wurde das Magnificat als Bestandteil ganzer musikalischer Vespern komponiert, zu den berühmtesten Beispielen hierfür zählen die Marienvesper von Monteverdi, zwei Vespern von Wolfgang Amadeus Mozart (aus ihnen stammt auch sein berühmtes Laudate dominum). Eine große Tradition der musikalischen Vesper findet sich in der Liturgie der angelikanischen Kirche, die in der englischen Kirchenmusik zu einer großen Anzahl von Kompositionen des Evening Service geführt hat (er beinhaltet ein Magnificat und ein Nunc dimitis), inspiriert davon schuf auch Felix Mendelssohn-Bartholdy einen solchen Eveneing Service.

Auch im 20. Jahrhundert galt dem Magnificat von Seiten der Komponisten großes Interesse. Jacques Berthier schuf für das tägliche Gebet der Communauté de Taizé mehrere Fassungen (vierstimmige Chorsätze, Kanons) des Magnificats, die in vielen europäischen Gesangbüchern und meditativen Liturgien Einzug gehalten haben, auch der protestantische Kirchenkomponist Hugo Distler schuf ein Magnificat für den kichrlichn Gebrauch.

Doch auch im Bereich der Konzertmusik erfreute sich das Magnificat einer ungebrochenen Beliebtheit, zu den bedeutenden Schöpfern von Magnificat-Vertonungen gehören Krzysztof Penderecki (1974), Arvo Pärt (1989) und John Rutter (1990). Vor allem die letzgenannte Version verdient erwähnung, da sie sich knapp 20 Jahre nach ihrer Uraufführung (am 26. Mai 1990 in der Carnegie Hall in New York) neben Bachs Weihnachtsoratorium zu einem der beliebtesten Chorwerke in Weihnachtskonzerten entwickelt hat. Die Musik John Rutters orientiert sich eng an der englischen Chortradition des 19. Jahrhunderts, wobei er gerade in seinem Magnificat auch Rückgriffe auf andere Vorbilder vorgenommen werden. So fügt er, ähnlich wie Bach, ein Weihnachtslied ein, das aus dem mittelalterlichen England stammt: Of a rose. Ebenso finden sich Anlehnungen an den gregorianischen Choral aber auch an die festlichen Marienprozessionen in Spanien und Lateinamerika, wie die Fanfarenklänge und der von Schellenkränzen geschlagene Rhythmus im ersten Satz des Werkes eindrucksvoll belegen.

 

Erstellt von Gregor Leonhardt
Auf dem Bauplatz des techn. Rathauses steht bis 23.12.2011 ein wahrhaftesMärchenhaus. Schön anzusehen und es ist 200 Jahre alt und aus der Nähe von Warschau (Polen). Es werden dort täglich 22 Märchen von den Brüder Jacob und Wilhelm Grimm für Kinder, Kinder-Erwachsene und abends nur für Erwachsene gespielt. Ein Theaterprojekt von Christian Schulz und David Regehr  vom Hexenkessel Hoftheater (Berlin). Karten kosten zwischen 4-12 Euro.

Infos unter 069-99992010 oder Märchenhaus am Dom.

 


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