Kulturtipp Februar 2011
Die Winterreise von Franz Schubert
Franz Schuberts Winterreise zählt nicht nur zu den bedeutenden Liederzyklen sondern bildet auch einen Höhepunkt in der Geschichte des Kunstliedes. Lange Zeit galt das Lied bei Komponisten und besonders bei Dichtern als Textuntermalung, die Musik sollte den Text gut abbilden, ihn aber nicht durch bestimmte Effekte oder Melodiewendungen eigenständig interpretieren. Ende des 18. Jahrhunderts begann sich diese Ansicht jedoch langsam zu ändern; Mozart, besonders aber Beethoven komponierten Lieder für Singstimme und Klavier, bei denen das Klavier den Gesang nicht nur begleitete, sondern durch bewusst gesetzte Verzierungen und eigenwillige Akkorde, die Stimmungen, die im Text beschrieben waren, noch unterstrich. Auch die Gesangspartien waren mehr und mehr für professionelle Sänger konzipiert. Die Gattung des Kunstliedes bildete sich heraus und wurde zu einem wichtigen Betätigungsfeld der Komponisten des 19. Jahrhunderts. Zu den berühmtesten Komponisten von Kunstlieder gehören neben Franz Schubert – er schrieb über 600 Lieder – Robert Schumann, Johannes Brahms sowie Hugo Wolf, Carl Loewe und Richard Strauss.
Besonders beliebt waren bei den Kunstlied-Komponisten Gedichte von Goethe, Eichendorff, Heine und später auch Fontane, da deren Texte über eine große Sprachmelodie verfügen. Durch die Vertonung von Gedicht-Zyklen (also mehreren Gedichten, die eine größere Einheit bilden) konnten auch die Komponisten in großen musikalischen Zusammenhängen denken und arbeiten. Die Winterreise besteht aus 24 Liedern und bildet somit einen der umfangreichsten Liederzyklen überhaupt; die Aufführungsdauer beträgt etwa 75 Minuten, was dem Umfang der 9. Sinfonie Beethovens entspricht.
Als Vorlage seiner Komposition diente Franz Schubert der Gedichtzyklus Die Winterreise des aus Dessau stammenden Dichters Wilhelm Müller (1794-1827). Müller, der 1812 ein Studium der Philologie in Berlin begann, trat ein Jahr später als Freiwilliger in das preußische Heer ein und nahm an den Befreiungskämpfen gegen Napoleon teil. Ab 1818 besuchte er den literarischen Salon in Berlin, wo er die Bekanntschaft von Gustav Schwab, Achim von Arnim, Clemens Brentano und Ludwig Tieck machte. In dieser Zeit unternahm Müller auch eine Bildungsreise nach Italien. Im April 1819 wurde er Gymnasiallehrer, später auch Herzoglicher Bibliothekar in seiner Heimatstadt Dessau, 1824 erfolgte die Ernennung zum Hofrat. Von einer Erkrankung am Keuchhusten 1826 konnte er sich nicht mehr richtig erholen, er starb im Alter von 33 Jahren am 1. Oktober 1827 an einem Herzschlag.
Müller war stets auch politisch engagiert, so begeisterte er sich für den Unabhängigkeitskampf der Griechen gegen die türkische Besatzung, was ihm den Beinamen „Griechen-Müller“ einbrachte. Darüber hinaus war er als Herausgeber tätig, u. A. auch für den Brockhaus-Verlag. Literarisch ist Müller vor allem durch seine Volkslieder im Gedächtnis geblieben – in seiner Gedichtsammlung 77 Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten (1824) finden sich u. A. die beiden Gedichtzyklen Die Winterreise und Die schöne Müllerin, die ebenfalls von Franz Schubert vertont wurde. Gedichte wie Das Wandern ist des Müllers Lust (aus der Schönen Müllerin), oder Der Lindenbaum („Am Brunnen vor dem Tore“) sind längst zum festen Bestandteil des Volksliedguts geworden. Obwohl Müllers Gedichte einen schlichten, volksliedhaften Ton anschlagen sind sie oftmals voller Ironie; Heinrich Heine begrüßte beispielsweise die Gedichte der Waldhornisten-Sammlung. Zwar lernten sich Müller und Schubert nie kennen, auch ist zu bezweifeln, dass Müller von den Kompositionen des Wieners etwas wusste, so sicherten Schuberts Lieder Müller auch heute noch Bekanntheit.
Obwohl Franz Schubert (1797-1828) heute zu den bekanntesten Komponisten des 19. Jahrhunderts gezählt wird, blieb ihm, im Gegensatz zu Beethoven, Mendelssohn, Schumann oder Wagner, eine breite öffentliche Anerkennung zu Lebzeiten weitgehend verwehrt. Meistens wurde seine Musik nur in Salonkonzerten aufgeführt, lediglich Anfang der 1820er Jahre erlangte er mit zwei seiner über 15 Opern einen Achtungserfolg im Theater an Kärntnertor in Wien. Seinen Lebensunterhalt verdiente Schubert als Schullehrer aber auch als Musikpädagoge beim Grafen Esterházy, zu seinen Lebzeiten erschienen lediglich einige seiner Lieder im Druck. Dennoch hinterließ Schubert ein breites Werk, zu dem u. A. 8 Sinfonien, 6. Messen für Soli, Chor und Orchester sowie Chor- und Kammermusik gehören. Erfolg hatte die Musik erst Jahre nach seinem Tod, so erlebte die Große Sinfonie in C-Dur erst unter Mendelssohns Leitung 1839 in Leipzig – elf Jahre nach Schuberts Tod – ihre umjubelte Uraufführung. Seine Lieder jedoch erfreuten sich recht früh großer Beliebtheit und erklangen vielfach bei Hauskonzerten, die oftmals als „Schubertiaden“ bezeichnet wurden. Zu den bekanntesten Liedern Schuberts gehört, neben der Winterreise, der Liederzyklus Die schöne Müllerin sowie seine Vertonungen einiger Gedichte Goethes.
Ein Zyklus von schauerlichen Liedern
Schubert komponierte die Winterreise 1827, ein Jahr vor seinem Tod, wobei er Müllers Gedichtzyklus erst nur zur Hälfte kennenlernte, so komponierte er im Februar 1827 nur 12 Lieder, mit der anderen Hälfte kam er wohl erst im Spätsommer des gleichen Jahres in Berührung. Als Schubert die Lieder zu Beginn des Jahres 1828 seinen Freunden vorstellte, soll er ihnen gegenüber geäußert haben: „Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen. Ich bin begierig zu sehen, was ihr dazu sagt. Sie haben mich mehr angegriffen, als dies bei anderen Liedern der Fall war. Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen.“
Eine konkrete Handlung im dramatischen Sinn besitzt die Winterreise nur in einem sehr geringen Maße; geschildert wird das Schicksal eines Mannes, der aus enttäuschter Liebe zu einer Wanderung in die Winternacht aufbricht (Nr. 1: Gute Nacht). Auf seinem Weg, der im zunehmenden Maße in Einsamkeit und Verzweiflung führt, wird der Wanderer mit verschiedenen Empfindungen konfrontiert, die vom Ausnutzen der Gefühle (Nr. 2: Die Wetterfahne), über wilden Trotz (Nr. 22: Mut) bis hin zu Selbstmordgedanken (Nr. 5. Der Lindenbaum) reichen. Diese 24 Stationen eines Weges ins nicht bilden sozusagen Schlaglichter auf dem Pfad in die innere Emigration. Auf seiner Reise trifft der Wanderer auf keine weiteren Personen, lediglich Hunde und Krähen sind seine Begleiter, erst am Ende trifft er auf einen Gefährten (Nr. 24: Der Leiermann), der, genau wie er, ein Außenseiter ist, der sogar von den Hunden gemieden wird. Darüber hinaus kann die Gestalt des Leiermannes auch als Todessymbol gedeutet werden (der Tod als Spielmann).
Passend zu diesen seltsamen Texten hat Schubert eine adäquate musikalische Sprache gefunden. Die meisten der 24 Lieder sind in dunkel gefärbten Moll-Tonarten komponiert, wodurch eine gedrückte Grundstimmung sofort erkennbar wird, die selbst bei den wenigen Liedern in Dur (es sind gerade einmal fünf Stück) nicht verlassen wird. Bestimmte Aspekte der Gedichte Müllers werden durch die Musik Schuberts noch stärker hervorgehoben. Beispielsweise wird im 2. Lied das Spielen des Windes mit einer Wetterfahne durch die Imitation eines wehenden Windes in der Klavierbegleitung unterstrichen. Im 13. Lied „Die Post“ erklingen die Signalrufe eines Posthorns, und im letzten Lied (Der Leiermann) werden die fahlen Klänge einer Drehleier nachempfunden. Durch diese Fülle an Details gestaltet sich die Winterreise nicht nur technisch sondern auch interpretatorisch als eine große Herausforderung. Das bekannteste Lied des Zyklus‘ ist Der Lindenbaum, basierend darauf entstand die Volksliedvariante Am Brunnen vor dem Tore.
Rezeption
Da die Winterreise sowohl aufgrund ihrer technischen Anforderungen als auch durch ihre inhaltliche Tiefe als der wohl wichtigste Beitrag zur Gattung des Kunstliedes gilt, ist es nicht verwunderlich, dass sie für jeden Musiker, der sich mit Kunstliedern beschäftigt, zum Pflichtprogramm gehört. Kein anderer Liederzyklus ist so oft auf Schallplatte eingespielt oder bearbeitet worden. Alleine der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau nahm dieses Werk ein Dutzendmal auf, zu den weiteren bedeutenden Interpreten gehören Hans Hotter, Peter Anders, Hermann Prey und Thomas Quasthoff. Vielfach bildete die Winterreise auch eine Vorlage für diverse Bearbeitungen: 1993 schuf der deutsche Komponist Hans Zender mit Schuberts Winterreise – eine kompositorische Interpretation eine Version für Tenor und kleines Orchester, bei denen bestimmte Details durch Effekte hervorgehoben, manchmal aber auch umgedeutet werden. Weitere Fassungen entstanden für Singstimme, Sprecher und Gitarre, für Singstimme und Kammerorchester, für Singstimme und Streichquartett sowie für Singstimme und Drehleier. Der Liedermacher Hannes Wader veröffentlichte eine Platte mit Schubert-Liedern, auf der auch Auszüge aus der Winterreise enthalten sind. 2007 übersetzte der gehörlose Schauspieler Horst Dittrich die Texte in österreichische Gebärdensprache und führte den Liederzyklus gemeinsam mit dem Pianisten Gert Hechler und dem Bassbariton Rupert Bergmann in den Jahren 2008/2009 auf. Basierend auf den Motiven aus Schuberts Liederzyklus drehte Hans Steinbichler 2006 den Spielfilm Winterreise mit Josef Bierbichler und Hanna Schygulla.
2005 brachte die Deutsche Gramophon einen Live-Mitschnitt der Winterreise auf DVD heraus. In der Philharmonie Berlin boten Thomas Quasthoff (Bassbariton) und Daniel Barenboim (Klavier) eine äußerste beeindruckende Interpretation dieses Liederzyklus‘, die nicht nur hörens-, sondern auch sehenswert ist. Quasthoff singt die Lieder mit einer unglaublichen Konzentration, seine Gesichtszüge spiegeln die innere Dramatik dieses Werkes anschaulich wieder. Die DVD kostet € 25,- und ist über www.jpc.de erhältlich.
Dieser Tipp wurde erstellt von Lutz Riehl.



