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“Ihm ruhen noch im Zeitenschoße die schwarzen und die heitern Lose…” |
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“Das Schönste sucht er auf den Fluren…” |
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“Friede sei ihr erst’ Geläute” |
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Friedrich Schiller: Das Lied von der Glocke
Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“ zählt bis heute zu den berühmtesten und bedeutenden Gedichten der deutschen Sprache. Bis in die 1950er Jahre war es ein fester Bestandteil der Schulbildung, viele Generationen von Schülern mussten das 426 Verse umfassende Gedicht sogar auswendig lernen. Wenngleich die „Glocke“ heute kaum noch auf dem schulischen Stundenplan steht, ist sie dennoch Teil der Allgemeinbildung geblieben. Was aber ist der Grund für die große Beliebtheit dieses Gedichtes?
Bereits durch seien Schulfreund Georg Friderich Neubert, dem Sohn eines Ludwigsburger Glockengießers, erhielt der junge Schiller wichtige Eindrücke vom Handwerk des Glockengießens, die 1788 durch regelmäßige Besuche in der Glockengießerei von Johann Mayer in Rudolstadt noch vertieft wurden. Er berichtet in einem Brief an seine Schwägerin Caroline von Wolzogen, dass ihm dadurch die Anregung zu einem „Glockengießerlied“ gekommen sei. Doch erst 1797 greift er dieses Vorhaben wieder auf und macht sich an die Arbeit, die er im Herbst 1799 abschließt.
Inhaltlich verwendet Schiller den Vorgang des Glockengießens als Allegorie für das menschliche Leben. Dies wird bereits durch das Motto verdeutlicht, das Schiller seiner Ballade vorangestellt hat: „Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango“ (KRÜNITZ[1], deutsch: „Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.“), ein Leitsatz, wie er auf vielen Glocken zu lesen ist, etwa auf der großen Glocke im Münster zu Schaffhausen von 1486, die Schiller vermutlich kannte. Dieses Motto beschreibt die Anlässe, zu denen Glocken geläutet werden, die Totenklage, die Einladung zu Versammlungen und Feiern, Warnung vor Unwettern und Krieg.
Formal ist Schillers Ballade in zwei Ebenen gegliedert: der Ablauf des Glockengießens wird in den sog. „Arbeitsstrophen“ geschildert, beginnend bei der gemauerten Glockenform in der Glockengießergrube, über die Herstellung und Prüfung des Gussmaterials, den Vorgang des Gießens und des Abkühlens bis hin zum Emporziehen der fertigen Glocke. Im Versmaß und Reimschema sind diese Strophen formal sehr streng gegliedert.
Fest gemauert in der Erden,
Steht die Form, aus Lehm gebrannt
Heute muss die Glocke werden
Frisch Gesellen, seid zur Hand
Von der Stirne heiß
Rinnen muss der Schweiß,
Soll das Werk den Meister loben,
Doch der Segen kommt von oben
An diesen wohl berühmtesten Versen aus dem „Lied von der Glocke“ lässt sich der Aufbau der insgesamt zehn „Arbeiterstrophen“ gut darstellen. Sie sind alle nach dem gleichen Prinzip gestaltet, sogar die beiden eingerückten Verse findet man immer wieder. Auch tauchen dort Fachbegriffe des Glockengießerhandwerkes auf, etwa die Glockenspeise, wie das Gemisch aus 2/3 Kupfer und 1/3 Zinn bezeichnet wird, das man zum Guss einer Glocke benötigt.
Als zweite Ebene hat Schiller den „Arbeiterstrophen“ die sog. „Betrachtungsstrophen“ gegenübergestellt. In ihnen wird die aktuelle Station des Glockengusses aufgegriffen als Ausgangspunkt für die Betrachtung des menschlichen Lebens gewählt. Dabei werden die verschiedenen Stationen des Lebensweges wie Taufe, Heranwachsen, erste Liebe, Gründung einer eigenen Familie und Tod ebenso geschildert, wie der Lebensalltag in Zeiten von Frieden, Krieg und Katastrophen. Im Gegensatz zu den „Arbeitsstrophen“ sind die „Betrachtungsstrophen“ in ihrem Aufbau äußerst frei gestaltetet. Wie beide Ebenen zusammenwirken, soll folgendes Beispiel zeigen:
Nun zerbrecht mir das Gebäude,
Seine Absicht hat’s erfüllt,
Dass sich Herz und Auge weide
An dem wohlgelungnen Bild
Schwingt den Hammer, schwingt,
Bis der Mantel springt,
Wenn die Glock soll auferstehen,
Muss die Form in Stücke gehen
Der Meister kann die Form zerbrechen
Mit weiser Hand, zur rechten Zeit,
Doch wehe, wenn in Flammenbächen
Das glühnde Erz sich selbst befreit!
Blindwütend mit des Donners Krachen
Zersprengt es das geborstne Haus,
Und wie aus offnem Höllenrachen
Speit es Verderben zündend aus;
Wo rohe Kräfte sinnlos walten,
Da kann sich kein Gebild gestalten,
Wenn sich die Völker selbst befrein,
Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn
Weh, wenn sich in dem Schoß der Städte
Der Feuerzunder still gehäuft,
Das Volk, zerreißend seine Kette,
Zur Eigenhilfe schrecklich greift!
Da zerret an der Glocken Strängen
Der Aufruhr, dass sie heulend schallt
Und, nur geweiht zu Friedensklängen,
Die Losung anstimmt zur Gewalt
Nur unter einer sachkundigen Leitung kann ein Glockenguss gelingen, ebenso kann die Entwicklung der Gesellschaft nur gedeihen, wenn es eine staatliche Führung besitzt. Es ist ein Plädoyer gegen die Revolution. Schiller, der in seinen Jugendjahren revolutionär eingestellt war, wurde durch die Ereignisse der Französischen Revolution abgeschreckt.
Das sich Schillers „Glocke“ heute nicht mehr im schulischen Kanon wiederfindet, ist auch im dort vermittelten Gesellschaftsbild begründet, nachdem, der Mann „hinaus ins feindliche Leben“ muss, um seine Familie zu ernähren, während die Frau für Heim und Herd zuständig ist („Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“). Dennoch ist die Ballade heute noch tief im deutschen Sprachgebrauch verwurzelt, zahlreiche gebräuchliche Redewendungen entstammen diesem Gedicht, hierzu gehören:
„Wo rohe Kräfte sinnlos walten“
„Die Wahn ist kurz, die Reu ist lang“
„Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben“
„Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau“
„Er zählt die Häupter seiner Lieben“
„Denn das Auge des Gesetzes wacht“
„Wehe, wenn sie losgelassen“
„Da werden Weiber zu Hyänen“
„Gefährlich ist‘s, den Leu zu wecken“
Bereits zu Schillers Lebzeiten hat die „Glocke“ ebenso viel Lob wie Kritik erfahren. Ihre Berühmtheit zeichnet sich aber auch durch die große Anzahl von Parodien aus, die über diese Ballade entstanden sind. So hat sich etwa Alexander Mozkowdki in seinem Gedicht „Was Schiller vergessen hat“ der Entstehung des Klöppels gewidmet, ein Thema, das auch Heinz Erhardt aufgegriffen hat.
Auch in der Musik fand Schillers Ballade Beachtung. So komponierte Andreas Romberg (1767-1821) im Jahr 1809 ein Oratorium für Soli, Chor und Orchester, das in seinem Stil an die Oratorien Joseph Haydns erinnert. 1878 schuf Max Bruch (1838-1920) eine groß angelegte Vertonung der Ballade für Solisten, Chor großes Orchester und Orgel, das mit seiner an Wagner erinnernden Klangästhetik auch als „Bibel des Kleinbürgers“ bezeichnet wurde.
Wer sich Schillers „Lied von der Glocke“ gerne von einer ebenso ernsten wie humoristischen Seite nähern möchte, dem sei die Hörbuch-CD Schillers „Glocke“ auf den Kopf gestellt (Verlag: Litraton) empfohlen (Preis: 14 Euro). Neben einzigartigen Interpretation des Originals durch Gert Westphal finden sich dort zahlreiche Parodien der „Glocke“ u. A. gelesen von Hans Korte und Dieter Hildebrandt.
Audio CD, Verlag: Litraton; Auflage: 1 (11. Mai 2005), ISBN-13: 978-3894697341
www.amazon.de
Dieser Tipp wurde erstellt von Lutz Riehl. |